Zugfahrt (1)

Tut mir leid, Madame.  Mineralwasser ist ausverkauft. Stilles Wasser auch. Sie haben sicher gehört, dass die Klimaanlage ausgefallen ist. Alle fragen nach Wasser. Ich habe keine einzige Flasche mehr.  Sind sie denn auf Pannen wie diese gar nicht vorbereitet? Na ja, nicht wirklich, antwortet der nordafrikanisch aussehende Kellner mit französischem Akzent hinter der kleinen Theke im Buffet-Wagen. Dicke Schweißperlen auf Stirn und Schläfen.  Er ist sichtlich überlastet und ganz offensichtlich betreten dieser Frau gegenüber. Er würde sein letztes Hemd dafür geben, jetzt eine Flasche Wasser herbeizaubern zu können für diese ‚Madame’.Seine Gesichtszüge, eben noch genervt und abweisend, werden weich und hilflos. Servil auf eine Art, die dich die Frau vor dir aufmerksamer betrachten lassen.  Sie steht so nah vor dir, dass ihre strohblonden Locken, die zu einem Pferdeschwanz gebändigt sind, deine Nase fast kitzeln. Sie ist größer als du. Ihr Nacken, umrahmt von einer sommerlichen Bluse, glänzt schweißnass. Perlenkette. In Frankfurt kriegen wir Nachschub. Der Zugführer hat schon bescheid gegeben. Das hilft mir wenig. Da muss ich aussteigen.
Hm. Nicht zu ändern. die Frau, nun in versöhnlicherem Ton mit einem Akzent, der schwer einzuordnen ist hat ein Einsehen mit dem charmanten, ihr ergebenen Kellner, der ja tatsächlich für die Panne nicht verantwortlich zu machen ist.
dann geben sie mir eine Piccolo, einen Orangensaft und, wenn’s geht, ein großes Glas mit viel Eis. 

Die Schlange am Buffet wird länger. Durstige Passagiere in einem brüllheißen Zug.
Auch dir rinnt der Schweiß über die Stirn. Die Haare kleben im Nacken.

Eine Flasche Becks bitte. Kalt, wenn’s geht. Deine Augen starren gebannt auf Bauch und Achselhöhle des immer noch verlegen dreinschauenden Kellners.
Das Hemd klebt und spannt an seinem Körper. Neben dir die Frau, die ihr Portemonnaie und die Getränke in der Tasche verstaut.

Du nimmst sie nur aus den Augenwinkeln wahr, während du nach den passenden Münzen in deiner Hosentasche suchst. Blumig. Sind das Rosen oder Tulpen auf ihrem Kleid?
Ihre Hand, wie sie dem Kellner ein Trinkgeld auf den winzigen Tresen legt. Eher praktisch, kräftig, sportlich, gesund, warm, unberingt und schön braun geht es dir durch den Kopf.

Danke. Stimmt so. die Schlange der Durstigen, Genervten zieht sich schon bis zur Tür des Buffet-Wagens, als du dich umdrehst und in die andere Richtung durch das Zugrestaurant quälst, zurück zur ersten Klasse. Überfüllt, obwohl der Zug nur mäßig besetzt ist.
Durst. Schweiß. Gestresste Gesichter, entnervte Mütter mit verschwitzten, quäkenden Kindern kommen dir entgegen. sie wollen einfach nicht verstehen, dass man warten muss, um einen Platz oder wenigstens ein kaltes Getränk, ein Eis zu bekommen.

Warum bin ich nicht geflogen blitzt es dir durch den Kopf.
In der ersten Klasse angekommen scheint es etwas erträglicher. Kaum Fahrgäste. Wenigstens still, wenn auch hier zu heiß.
Keine Kinder, nur erwachsene Menschen, die Pannen wie diese mit Würde ertragen, Männer die meisten von ihnen, denen es ähnlich zu gehen scheint, wie dir.
Krawatten, die locker auf Hemd und Bauch liegen, Jackettzwang abgelegt. dösende Gesichter, die eine stressige Woche hinter sich haben und ins Wochenende fahren. Labtop, Handy oder Zeitung auf dem Schoß, kaum fähig, die Augen aufzuhalten.

Rosen. Es sind Rosen, keine Tulpen.
Ein bunter Blumenstrauß in luftigen Pumps, der wie eine leichte Sommerbrise durch diese graue, eintönige erste Klasse weht. Der Zug ruckelt. Fast wärst du auf sie gestolpert, so dicht läuft sie vor dir, das Glas mit dem Eis in einer Hand.
Wie du muss sie sich hier und dort festhalten an den Sitzen, um nicht den vereinzelten Passagieren auf den Schoß zu fallen. Eine schwindelerregend von rechts nach links wankende Tapete mit Rosenmuster.

Bleierne Müdigkeit und eine leichte Übelkeit überfallen dich auf dem beschwerlichen Weg zu deinem Platz. Noch nichts gegessen. Die Woche war lang und stressig. Kaum Schlaf, von Freizeit nicht zu reden.

Wochenende. Endlich.

Pardon.
Das Rosenkleid mit Locken balanciert wacker das kostbare Eis durch den Wagon.
Dein Blick fällt auf ihre Schuhe. Trümmerfrau, Daisy Duck, Tango. Mit kleinen Riemchen um den Spann und soliden, wenn auch nicht gerade niedrigen Absätzen.
Das es die noch gibt? Oder wieder? Modetrends verschläfst du gewöhnlich.

Die kräftigen Waden aufwärts wandernd bleibt dein Blick an ihrem Hintern hängen.
Das Kleid, über den Knien luftig weit, spannt hier, oder klebt vielmehr an ihrer Hüfte.
Ihr Gang wiegend.
Ihr Po breit, rund, mächtig, ohne dick zu wirken. Einladend wie ihre ganze Statur.
Kräftige, gerade Schultern, ein starker Rücken, schöne Taille, weibliche Rundungen in Rosenmuster verpackt.

Man möchte sie anfassen, fest anfassen. Kein Püppchen, kein zierliches Geschöpf.
Eine erdige Wiese, auf der man sich lang strecken will, eine Amazone, der man sich willenlos ergibt.
Verständlich der hilflos servile Blick des Kellners , denn auch du möchtest dich auf der Stelle willenlos ergeben, den müden, gereizten Kopf zwischen ihre Brüste und in ihren Schoß betten und das Gras riechen, den sommerlichen Windhauch auf deinem Körper spüren, ein stück blauen, unbeschwerten Himmel genießen. Himmel und Erde, frische, würzige Luft, Sommer, Urlaub.

Dir wird schwindlig vor Hunger und diesem wiegenden Gang. Der Zug nun etwas ruhiger.
Dein Blick klebt benommen an diesem hinreißenden, so einladenden Arsch, den nur ein Hauch von Kleid bedeckt. Du siehst ihre Backen, die sich bei jedem kraftvollen und selbstbewussten Schritt etwas auf und ab, hin und her schieben. In Gedanken hast du sie längst ausgezogen und deine Arme von hinten um ihre Brust gelegt, ihren sicher runden und festen Bauch entlanggestrichen, dich ihrem Arsch entgegengeschoben.

Jemand zugestiegen?

Die Fahrkarte steckt locker in der hinteren Tasche der Jeans. Zerknickt und etwas feucht, denn die Klamotten kleben an dir bei dieser Hitze.
Die schöne Amazone scheint der Personalwechsel wenig zu interessieren und selbst der Schaffner tritt sofort einen Schritt zur Seite, um sie ungehindert ziehen zu lassen.
Da geht sie, aus deinem Blick, durch die Tür zum nächsten Abteil.

Ihren Anschlusszug in Mannheim erreichen sie, hörst du den Schaffner wie durch eine Nebelwand.

Weg ist sie, die Aufregende.

Kaum am Platz angekommen, lehnst du dich zurück, streckst die Beine aus und gibst dich dieser bleiernen Müdigkeit, dem leichten Schwindel hin, das Bier ungeöffnet, die Zeitung ungelesen. Du schließt die Augen.
Ihren hinreißenden Arsch siehst du durch die geschlossenen Lider, riechst das Gras, siehst den azurblauen Himmel.
Du musst lächeln, denn ein süßer, ersehnter Schlummer umgibt dich, mitten auf der schönen, erdigen Wiese voller bunter Blumen.
Du denkst an X und den Erdbeereiskuss, an die lästige Sitzung am Nachmittag, die Kollegin, die dich in der Kantine zum Kaffee einlädt, um aus ihrem Leben, das dich nicht wirklich interessiert, zu erzählen, die Freundin, nach deren Umarmung du dich sehnst.
Gedankenblitze.
Krankenhaus, Krebs, Blumen, Küsse, Worte, Musik. Der Schlummer trägt dich auf die nächste Ebene, wo die Gedanken nicht mehr kontrollierbar sind.
Richtung Traum. Die Gesichtszüge entgleiten unmerklich.
Du nimmst alle Geräusche in der Umgebung noch wahr, lässt dich gleichzeitig entführen ins Reich, wo das Unterbewusstsein herrscht und man nicht mehr steuern kann, an wen und an was man denken will.
Sie kommen und gehen einfach, die Gedanken. Sie rücken weiter weg, die Freuden, die Sorgen. die Gesichter ziehen vorbei wie die Wolken an diesem strahlend blauen Himmel über der schönen Wiese auf der du ausgestreckt, nackt und ganz und gar entspannt liegst.
Ein süßer, ein erholsamer Schlummer, in dessen Arme du dich nur zu gerne begibst, weil er dich sanft ins Wochenende hinüberträgt. Sekundenschlaf.

Nicht schon wieder. Die Stimme des Schaffners holt dich zurück. der süße Schlummer weigert sich beharrlich, dich der Realität eines überhitzten Zugabteils zurückzugeben. Zu schön, die Wiese. Zu blau, der Himmel.
Personalwechsel, dämmert es dir ganz von weit her? Schon wieder? Wie lange war ich weg? Bin ich eingeschlafen? Wo sind wir?

Yurmala säuselt der eingewechselte Schaffner etwas dümmlich, bemüht um zwanglose Plauderei. Ist das nicht in Litauen?
Nein, in Lettland, bei Riga, hörst du eine Frauenstimme etwas streng antworten mit einem Akzent, der dich sofort hellwach macht.

Schlagartig öffnen sich die bleiernen Augenlider. Die Blumenwiese. Der umwerfende Hintern. Sie sitzt schräg gegenüber, zwei Sitze nur entfernt, verdeckt vom Schaffner, der zwischen euch im Flur steht und Konversation betreibt mit dem attraktiven weiblichen Fahrgast, der sich beschwert hat über die unerträgliche Hitze, den mangelnden Service.
Der um Schadensbegrenzung ringende Zugführer langweilt sie sichtlich.

Du nimmst, am Schaffner vorbei, die Zeitung wahr, mit der sie sich Luft zufächelt. Sie schweigt und dem Bahnbeamten bleibt nur eine hilflose Entschuldigung, bevor er sich wieder aufmacht, sich den wenigen anderen Fahrgästen der ersten Klasse zuwendet.

Draußen ziehen Windräder vorbei in der Nachmittagssonne. Sanfte Hügel, vereinzelte Kühe, kleine Seen.
Gedankenverloren schaut sie hinter der Zeitung durch die getönten Scheiben, kleine Schweißperlen glitzern über den vollen, roten Lippen und auf der Stirn.
Sehr still ist es, keine Sitznachbarn, die rascheln oder eine Unterhaltung suchen.
Sie rückt ein wenig nach vorne, versucht, es sich bequem zu machen, löst die Haare aus dem Band, um den Kopf anzulehnen.

Eiswürfel klimpern.
Deine Augen haften auf ihrem Busen. Eine schöne große weiche handvoll Busen, nett verpackt in Rosenmuster, der BH-träger – ein hellblaues Geschenkband, scheint es.

Ihre Hand verschwindet in dem klimpernden Glas, um Eis zu holen.
Du folgst der Hand, die das kühle Nass erst an den Nacken, dann, um die Perlenkette herum zum weiten Decoltée führt.
Ein kleines Rinnsal, eine kühle Quelle im Gebirge, versickert in dem Tal zwischen ihren schweren saftigen Hügeln. Sie schaudert leicht, nimmt einen neuen Eiswürfel, um Stirn und Haaransatz zu kühlen.
Ihr Busen hebt und senkt sich ganz leicht mit jedem Atemzug.
Gebannt, wie in Zeitlupe verfolgst du ihre Bewegungen. Dir ist, als hörst du jeden Atemzug, der diesen Busen in Bewegung versetzt, ihren Herzschlag unter den Titten, die dein zweites ich schon in Händen hält.

Irritiert schaust du in ihre Augen. Blau-grüne große Augen.

Sie lächelt herüber. Ertappt. Sie hat längst bemerkt, wohin dein Blick ging.
Bin ich rot geworden, denkst du?
Deine Ohren glühen, aber sie scheint nicht beschämt. Ihr Blick: freundlich, direkt, unverfroren irgendwie.
Noch ein Eiswürfel. Ihr Blick lädt dich ein, mit dem Würfel auf Reisen zu gehen.
Ihre Hand wandert zum rechten Bein. Sie schiebt das Kleid damit nach oben, führt den Eiswürfel an der Innenseite ihrer kräftigen Oberschenkel entlang, deinen Blick nicht aus den Augen lassend.

Dein Schwanz reagiert augenblicklich, dein Herz fängt an zu rasen.

Sieht uns jemand? Denkst du für den Bruchteil einer Sekunde erschrocken.
Die Hand wandert unbeirrt weiter langsam unter das luftige Sommerkleid. Sie zieht das Kleid höher und rutscht seitlich nach vorne. das linke Bein etwas angezogen, das Knie auf dem Sitz, öffnet sie ihre Beine deinem irritierten, aber neugierigen Blick.

Unsicher schaust du in ihre Augen. Meint sie wirklich mich?

Der Kopf, blutleer, das Herz pochend, dein Schwanz aufgebäumt in der Hose, die jetzt eng wird. Sehr eng.
Ja, doch. Ihr Blick unmissverständlich.
Sie lächelt nicht mehr. Ihre Lider scheinen schwer. Etwas flehentliches, sehnsüchtiges im Blick. Sie fixiert dich. Kein Zweifel.

Ihr Kopf angelehnt zwischen Fensterscheibe und Kopfstütze, die Hüfte an den Sitzrand vorgeschoben. Beide Hände greifen nun in das Glas mit Eis.