Advent, Advent ein Lichtlein

Der Mittvierziger ist nicht im Mindesten aufgeregt. Seine Kollegen fragen sich seit langer Zeit, ob es überhaupt etwas gibt, was ihn aus der Ruhe bringen könnte. Selbst wenn der Betrieb wieder einmal, was nicht selten vorkommt, am Rande des Ruins steht, steht der Mann wie ein Fels in der Brandung. Ehern und trotzig wie die Inkarnation des Widerstandes. Und das rettet wie immer den Etat des ganzen Jahres. Der Mann mit der erstorbenen Mimik, den sparsamen Gesten und der verhaltenen Art eines zum Sprung bereiten Raubtieres ist auf dem Weg nach Hause. Doch auch als er an die Überraschung zum ersten Advent für seine Frau denkt, regt sich nichts in seinem Gesicht. Lange hatte er daran gearbeitet, hatte Texte und Bilder hinterlegt, hatte sich viel Mühe gemacht. So eloquent er auch in seinem Job war, so sehr vermochte er es nicht, seine Bedürfnisse zu Hause umzusetzen. Dies nun sah er als eine Art Generalangriff. Friss oder stirb quasi als Seelennotstandshaushaltsplan. Emergency Purge fürs Liebesleben. Gut, er hatte es nie leicht gehabt, aber seine Frau ebenfalls nicht, besonders mit ihm. Als Querdenker und innovativer Exzentriker hatte er es grundsätzlich schwer. Doch all die Masken, die er zu Hause nur allzu bereitwillig abzulegen bereit war, behielt er auf. Dieser Mann war zwar im Stande, seine Bedürfnisse auszusprechen, jedoch stand das reale Leben immer irgendwie im Wege. Heute nun war es soweit. Der Adventskalender. Das erste Türchen. Ein, wie er fand, sehr gut gelungenes Bild eines Frauenschosses in Schwarz-Weiß. Feine Spitzenunterwäsche zierte die wohlproportionierte Rückansicht dieser Frau, deren Pohälften durch eine Perlenschnur anstatt eines Stoffes getrennt war. … [Read more...]