Hotel Erziehung

Hotel Erziehung:

Hamburg. Kalt, nass, überfüllt, aber in gewisser Weise die Stadt der Herzen. Hier war er teilweise groß geworden. Hatte gelernt, sich durchzusetzen. Zu kämpfen um das was er wollte und für die, die ihm lieb waren.
Hamburg ist alles Mögliche, aber keine leichte Stadt. Und zwiegespalten bis ins Mark. Auf der einen Seite die Stadt der Künstler. Der Maler, der Bildhauer, der schöngeistigen Künste und der Musicals. Auf der anderen Seite Huren, Zuhälter, Kriminalität und Behördenwillkür. 


Auf der einen Seite eine schöne Stadt. Wundervolle Wohnviertel in denen die lebten, die es geschafft hatten. Auf der anderen Seite Industrie und Warenumschlag ohne Ende und das unvermeidliche Problem der Unterwelt.
Aber gerade diese Widersprüche führten dazu, dass man nicht anders konnte, als diese Stadt zu lieben.
Ja, hier war er zuhause. Der unauffällige schwarze BMW schnurrte wie von selbst an sein Ziel. Ludwig Erhardt Straße, ein Blick auf den Michel. Weiter durch den Verkehr wuseln. Unauffällig bleiben. Nur nicht auffallen. Selbst die GSI und GTI – Fraktion mit ihren unmöglichen, aufgemöbelten Kasperbuden konnten ihn nicht reizen. Dabei war gerade BMW das Hauptanlegerziel dieser Vollspacken.
Ihm war es egal. Wie von selbst trieb der Wagen in Richtung Neuer Jungfernstieg. Im Hotel Vier Jahreszeiten, schon klar. Und er musste unauffällig bleiben. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Ne bessere Absteige gibt’s in Hamburg kaum. Allein für die simpelste Übernachtung musste man 250 Euro hinlegen, und das auf Kosten des Steuerzahlers. Ihm konnte es egal sein.

Das Foyer war bombastisch. Anders war es nicht zu beschreiben. Er allerdings folgte seiner über Jahre gewachsenen Ausbildung. Intuitiv checkte er Eingänge, Ausgänge, mögliche Fluchtwege und die Teile des Raumes, in denen man in Deckung gehen oder sich gar vollständig verstecken konnte. Alles innerhalb ein paar Sekunden. Ein Riesenraum, der multiple Möglichkeiten barg. Allein die riesige künstliche Palme nahe der Nottreppe war sehr geeignet, den Raum zu sondieren und nötigenfalls unerkannt zu verschwinden.
Kopfzerbrechen bereitete ihm die breite, fast umlaufende Balustrade, von der man einen erhabenen Blick auf das Getümmel im Foyer werfen konnte.
Ohne den Concierge auch nur eines Blickes zu würdigen, marschierte er, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, auf den Lift zu.
„Penthouse“ Knurrte er dem schwul aussehenden Liftboy zu, der es fortan nicht einmal ansatzweise wagen würde, ihm ein Gespräch aufzwingen zu wollen.
Als die Lifttüren sich öffneten raste sein Blick durch den Korridor.
Ein Wächter. Groß, blauäugig und mit fetten Muskelpaketen versehen, die beinahe sein Jackett zu sprengen drohten. Ach das verstand der BND unter unauffällig. Mein Gott…. wie wäre es, unten im Foyer einen Flyer anzubringen mit der Aufschrift:
Zur Spionin bitte ins Penthouse und seien sie freundlich zu dem Mann ohne Gehirn.

Er zückte seinen Ausweis, hielt ihn dem Muskelmann vor die Nase. Klar, dass der Typ den Finger am Drücker hatte, als Rudolph sich näherte. Der kleine, metallene Aktenkoffer, den er so unauffällig krampfhaft festhielt, barg sicherlich keine Akten. Nein, das war Teil der Ausrüstung für BND Außendienstler. Drinnen war eine Heckler und Koch Maschinenpistole.
Mit einem Druck auf den Knopf am griff fielen die beiden Hälften des Koffers auseinander und er hatte das Ding innerhalb einer Sekunde schussbereit.
Nun, dachte Rudolph, was nützt die Sturmfreie Bude, wenn die Treppe knarrt.
Man muss mit dem Ding auch umgehen können. Er kannte die Ausbildung des BND. Richtige Agenten lachten sich darüber kaputt. Vor allen Dingen, weil die Jungs wirklich dachten, sie wären gut.
Er nickte kurz und überaus wichtig, nahm den Daumen vom Knopf und sagte:
„Pass auf Junge, die Ziege beißt“
„Dann mach mal Feierabend Sportsfreund. Und stoß nicht mit den Oberarmen die Blumen um“
„Alter, willst du mich anmachen?“ Drohte der Muskelmann und pumpte sich auf.
„Klar Süßer, aber pass auf. Wenn ich mit dir fertig bin, krauchst du nach hause, dass du denkst, dich hätte ein Büffel gestoßen“
Das Gesicht des BNDlers gefror zu einer harten Maske. Derlei Unverschämtheiten war er nicht gewohnt. Vor allem nicht von einem dicklichen Vollbartträger, der aussah, als wäre er eben erst aus dem Bett gefallen. Na, da hatte er ja was gelernt oder?
Der elektronische Schlüssel entriegelte das Schloss und ohne auf den Schwarzenegger- Verschnitt zu achten, trat er ein. Klingeln? Nein, warum denn? Die Dame lebte hier auf Staatskosten, da musste man sich schon ein paar Dinge gefallen lassen oder? Immerhin kostet eine Übernachtung in einer Penthouse- Suite schlappe 575 Euronen.
„Hallo“
Keine Antwort.
„Zimmerservice, der Snack ist da!“
Immer noch keine Antwort. War sie getürmt?
„Hierhin, ins Bad!“
Aha, eine Stimme. Weiblich, ganz eindeutig. Herrisch aber nicht wirklich. Bestimmend könnte man sagen. Was aufgrund ihrer delikaten Situation verwunderlich war. Denn wäre sie nicht in Gefahr, wäre Rudolph nicht hier.
Aufreizend langsam betrat er das Bad. Luxus pur, aber dafür hatte er keinen Blick. Die badende Venus interessierte ihn viel mehr. Und vor allem die Leichtgläubigkeit, die beinahe schon an Ignoranz grenzte, als sie sich nicht einmal umdrehte, wenn jemand das Bad betrat. Unerhört.
„Was haben Sie denn schönes für mich?“ Turtelte sie, ein wenig weniger herrisch.
„Kamelscheiße und Haarfestiger, Brotkrümel und schwarzen Kaffee!“
Das saß. Wie von einem Stromschlag getrieben sprang sie aus der Wanne und sah sich gehetzt um. Sah den unauffälligen komischen Typen, der lässig am Rahmen der Tür lehnte, wie ein Stück Käse auf Toast aussah und dümmlich grinste. Hätte sie auf seine Augen geachtet, wäre ihre Reaktion weniger krass ausgefallen.
Da sie das aber nicht tat, schnappte sie sich den ersten Gegendstand, den sie erreichen konnte und warf nach ihm. Gut, ein Fön ist sicherlich, hart geworfen, ein Instrument, das verletzen kann. Aber eben nicht, wenn das Kabel noch in der Steckdose steckt und 20 cm vor dem grinsenden Gesicht des Mannes abrupt in der Luft anhält und polternd zu Boden fällt.
Wortlos zeigte der Mann auf die große runde Bürste, die auf dem Waschbecken lag. Die Ingenieurin griff danach und schleuderte sie ihm entgegen.
Der trainierte Typ war allerdings, als sie den Blick abgewandt hatte um nach der Bürste zu greifen, an die andere Seite des Türrahmens gewechselt. Somit verfehlte das Geschoß sein Ziel und kam sehr weit hinten in der Suite zu Fall.
Mit amüsiert- spitzem Finger deutete der Mann auf das Beauty- Case der Dame und ohne zu merken was sie tat, griff sie in ihrer schutzlosen Nacktheit, erfüllt von Wut und Überraschung zu.
Erst im letzten Moment realisierte sie, dass sie fremdgesteuert wurde und dabei war, ihre gesammelten visagistischen Kostbarkeiten dem Exitus zuzuführen. Schnaufend fing sie das Case wieder ein und wurde sich im gleichen Moment bewusst, dass sie außer ein paar hartnäckigen Schaumkronen nicht sehr bekleidet war.
„Fertig?“ Seine sonore, in keinster Weise aufgeregte Stimme hörte sich ruhig, beinahe gelangweilt an. Klar, er hatte die volle Kontrolle und sie fühlte sich wie ein kleines dummes Mädchen, das beim Äpfelklauen erwischt worden war. Das würde sie dem Arsch heimzahlen, ganz bestimmt! Aber jetzt hieß es: Contenance. Ruhig bleiben, das Adrenalin abbauen und Herr(in) der Lage werden. Und dann wie gewohnt ihre weiblichen Waffen ausspielen.
„Nein ich habe gerade erst angefangen, sie impertinenter Mensch. Wer sind sie überhaupt?“
„Niemand“
„Stimmt, niemand sind sie. Und soll ich ihnen was sagen? Ihr Nachname ist: Nichts“
„Oh, das klingt interessant. Hört sich an, als hätten wir beide tolle Namen. Niemand Nichts und Zora Zicke“
„Arschloch“ Entgegnete sie und Rudolph beschloss, dass er diese komische Frau überhaupt nicht leiden konnte. Irgend etwas war sehr seltsam an ihr. Es schien fast, als wären da ein paar Dinge verschoben. Ihr untersetzter, weiblicher Körper mit den zugegebenermassen sehr üppigen, wohlgeformten Brüsten erinnerte ihn an afrikanische Fruchtbarkeitsgötzenbilder, ihr funkelndes Gesicht glich der wutschnaubenden Drohgebärde einer Wikingerkriegerin, aber ihre aufbrausende, leicht ins obszöne geratene Ausdrucksweise schien so gar nicht zu passen.
„Ziehen sie sich was an und kommen sie raus, wir haben zu reden“

Er sagte das mit der unmissverständlichen Art, die einfach keinen Widerspruch zuließ. Nicht aufbrausend, nicht erregt, nicht sauer und ohne erkennbare Emotionen. Es war einfach eine Art bittender Befehl, dem sich zu widersetzen einfach nicht möglich war.
So drehte er sich um und ließ sie einfach stehen. Die Frau, an ihrer Haut folgten die letzten überlebenden Schaumfragmente der unerbittlichen Schwerkraft, stand wie vom Donner gerührt da und war einen Augenblick nicht in der Lage, die Situation einzuordnen.
Dieser massige Angeber vor der Tür mit seinem Tuntenkoffer war leicht auszuspielen. Ein wenig mit dem Arsch wackeln, einen Blick in den Ausschnitt gewähren und er machte Männchen. Dieser hier war ein anderes Kaliber. Vielleicht war er schwul und es beeindruckte ihn überhaupt nicht, dass sie nackt war. Dann musste sie ihr Spiel, und sie spielte für ihr Leben gern mit Typen, abändern. Frau hat ja Repertoire. Frau ist variabel und kann sich auf verschiedene Situationen einstellen und intuitiv den rechten Weg wählen. Na warte, Freundchen, dich krieg ich dran!

Rudolph stand am Fenster. Sah über seine Stadt. Aber egal welche Stadt es auch immer sein mochte, im Winter sahen alle grau und tot aus.
Die Frau war mittlerweile zwar weniger, aber immer noch wütend, aus dem Bad gekommen und ließ sich in das breite lederne Sofa fallen.