Das Leben (4)- Finale

Das Leben (4)- Finale:   „Roland!“ Robin sah erstaunt auf und vergaß vor Schreck mich zu umarmen. „Was machst du in LA? Solltest du nicht in Argentinien sein?“„Hi Robin. Es ist Anfang August. Wo sollte ich also sein, wenn nicht hier in LA, wo alles begann?“ Ich ging auf die kleine Ledersitzgruppe zu und setzte mich in meinen Lieblingssessel. „Oh…. Ist das Jahr schon wieder um?“ Jetzt stand sie mit leicht säuerlichem Gesicht auf und kam zu mir.„Ja das Jahr ist um und du vergisst es immer. Warum kannst du das, was passiert ist, nicht akzeptieren?“„Warum? Weil du damit fast alles kaputt gemacht hättest, was ich aufgebaut habe. Wer hat dich denn soweit gebracht? Dafür gesorgt, dass du jetzt ganz oben bist?“Wieder und wieder die gleichen Diskussionen.„Robin…. lass es sein. Es ist mein Leben, es war meine Entscheidung und ich bin für jeden Moment dankbar, den ich erleben durfte.“„Du bist aber 1 Woche zu früh.“ Ihre Stimme klang leicht verärgert.Sie hatte ja nicht ganz unrecht. Ich habe die Dreharbeiten unterbrochen, bin ohne jemandem zu erklären warum, vom Set verschwunden und sie muss es jetzt wieder geraderücken.
„Ich möchte mit dem Wagen nach Montana. Die alte Strecke noch einmal abfahren.“
„Alleine? Roland das kann ich nicht zulassen. Alleine auf der Straße. Also bei allem Verständnis für deinen Spleen. Aber ich bestehe darauf, dass du Gil Ludgers mitnimmst.“
Bodygard… ich hatte nicht die geringste Lust, mich auf meinem Trip begleiten zu lassen. Allerdings muss ich Robin in dieser Beziehung nachgeben. Und Gil ist seit Jahren um mich und ein ruhiger, angenehmer Mensch.
„Einverstanden. Versuchst du bitte das mit Scott zu klären? Ich bin spätestens in 10 Tagen wieder am Set. Versprochen!“
Ich streckte ihr die Hand entgegen. Robin sah sie eine Weile an, bevor sie sie mit beiden Händen ergriff. „Roland pass auf dich auf ja?“
Ich nickte ernst und sah ihr in die Augen.
„Keine Angst. Ich bin aus dem Alter raus, in dem ich mich in Abenteuer stürze.“
„Ich weiß, ich weiß.“
Mit ihren Blicken im Nacken verließ ich das Büro.
Ich hätte mir keine bessere Agentin wünschen können. Robin war von Anfang an für mich da. Hatte alles andere vernachlässigt, stand ständig neben mir. Teilweise ging sogar das Gerücht, ich hätte mit ihr eine Beziehung, da sie wie mein Schatten immer da war, wenn ich in der Öffentlichkeit auftauchte. Sie war die Einzige, die die ganze Geschichte kannte, abgesehen von den drei Beteiligten. Und ich kann ihr nicht übel nehmen, dass sie das vor der Presse so geheim hält.

„Guten Morgen Mister Boody.“ Gil öffnete den Kofferraum und ich stellte meine Tasche hinein. „Morgen Gil.“ Trotz der zu erwartenden Hitze hatte Gil seinen unvermeidlichen Anzug und das weiße Hemd an. Das einzige Zugeständnis an die Ungezwungenheit der Fahrt war eine leicht gelockerte Krawatte. Auch vermied er es seit 5 Jahren, mich bei meinem Vornamen zu nennen. Ich war sein Job.
Als er zur Fahrerseite ging, informierte ich ihn, dass ich selber fahren wollte.
Widerwillig kam er um den Wagen herum und setzte sich auf den Beifahrersitz.
Er hatte den Leihwagen besorgt.
Mittelklassefamilienwagen, abgedunkelte Scheiben…. ganz nach dem Motto…nur nicht auffallen.
Aber ich hatte es nicht eilig. Langsam fuhren wir aus der Stadt auf den Highway. Erst dort unterbrach Gil sein Schweigen. „Darf ich erfahren, was das Ziel der Reise ist?“
„Wir fahren nach Montana, nach Bozeman.“
„Mr. Boody?“
„Ja Gil?“
„Ich möchte ihnen nicht zu nahe treten. Aber würden sie mir auch den Grund dieser Fahrt mitteilen?“
An dieser Stelle zögerte ich ein wenig. Aber da er mir in diesen Tagen nicht einen Schritt von der Seite weichen wird, kann ich es nicht verheimlichen.
„Ich werde ein Grab besuchen.“
Der sonst so ruhige Hüne drehte sich halb zu mir. Im Rückspiegel konnte ich für einen winzigen Moment Neugier aufblitzen sehen. Aber er stellte die Frage nicht, die ihm sicherlich auf der Zunge lag.
Der erste Tag verging ruhig. Wir unterhielten uns über das Wetter, Gil wollte mehr über den neuen Film erfahren, da er diesmal nicht am Set sein konnte. Erst am späten Nachmittag machten wir unseren ersten Stopp. Das kleine Motel machte einen sehr angenehmen Eindruck und auch die dazugehörende Gaststätte war sauber geführt. Gil buchte die beiden Zimmer und nachdem wir uns erfrischt und umgezogen hatten, trafen wir uns zum Abendbrot.
Um nicht aufzufallen, hatte mein Schatten sich in ein lässiges Outfit geworfen. Misstrauisch musterte er die Angestellten, ob irgendjemand zu erkennen gab, ob er mich erkannt hatte. Aber ich hätte in Piratenoutfit oder Ritterrüstung hier sitzen können. Die Kellnerin war vollkommen hin und weg vom breiten Brustkorb und dem Bizeps meines Gegenüber, sie sah mich nicht einmal an, als ich meine Bestellung machte.
Das Essen war wirklich hervorragend. Da es zum Schlafen noch zu früh war, ließ ich mir einen Wein kommen, Gil ein Bier und für einen Zuschauer sah es aus, als würden hier zwei gute Freunde sitzen und schweigend ihr Zusammensein genießen. Aber in Gils Gesicht arbeitete es. Seine Kiefern rieben aufeinander, die Augen huschten unruhig hin und her und blieben des öfteren auf meinem Gesicht liegen. Seine Hände spielten mit dem Bierdeckel.
Aber auch meine Ruhe war nur vorgetäuscht. Tausend kleine Wenns und Abers gingen mir durch den Kopf.
Wie in jedem Jahr.
Irgendwann hatte Gil genug. Ich konnte es ihm ansehen. Er beugte sich ein wenig nach vorne und senkte die Stimme.
„Dieses Grab… ist es ein Mitglied ihrer Familie oder wieder ein Wohltätigkeitprojekt?“
„Es ist das Grab einen kleinen Mädchens. Meiner Tochter. Sie hätte am Donnerstag ihren 9. Geburtstag gehabt.“
Jetzt weiß ich wie es aussieht, wenn jemandem die Gesichtszüge entgleiten. Gil sackte förmlich über seinem Glas zusammen.
„Sie haben ein Kind? Aber sie waren nie verheiratet!“
Der liebe Gil…. statt einer Antwort legte ich den Kopf schief und hob eine Augenbraue ein wenig an. „Ja natürlich. Man kann auch Kinder ohne Ehe haben. Entschuldigen sie! Ich wollte sie nicht kritisieren.“
„Schon ok Gil. Es ist eine lange Geschichte.“
„Wir haben eine lange Fahrt vor uns. Und wenn sie möchten, ich kann ein guter Zuhörer sein.“

Und so kam es, dass Gil von meinem Geheimnis erfuhr.

„….. Ich lernte sie vor etwa 10 Jahren bei einer Golden Globe –Verleihung kennen. Ich war dort als Presenter und sie nur durch Zufall da. Zuerst wollte ich lediglich den Abend einigermaßen unbeschadet hinter mich bringen. Aber ihre ungezwungene Art hat mich irgendwie fasziniert. Sie hat mich zwischen diesen ganzen Stars und Sternchen als normalen Mensch angesehen. Der Abend war einfach wunderbar. Wir unterhielten uns über Dinge, die manchmal nicht mal die Ehemänner von ihren Frauen wissen. Und dass, obwohl wir uns noch nie zuvor gesehen hatten. Als sie dann mit einer unbeholfenen Verabschiedung verschwunden war, hatte die Party ihren Reiz verloren. Ich klinkte mich in einige andere Gespräche ein, versuchte neue Kontakte zu knüpfen und bemerkte dabei, dass es keinen Spaß machte. Mir war dieses aufgesetzte Lachen einfach zuwider. Ständig berührte mich jemand, warf den Kopf unnatürlich zurück, nur um das Strahlen der Zähne der nächsten Kamera zu zeigen.
Als mir von dem Rummel übel wurde, zog ich mich zurück und suchte nach meiner Unbekannten. Als ich sie fand, wusste ich, dass ich eine verwandte Seele gefunden hatte. An diesem Abend in LA hat es angefangen. Wenn sie jetzt glauben, dass Scarlett eines dieses leichten Mädchen ist, dann denken sie falsch von ihr. Ich kann es schwer beschreiben. Sie ist ein Mensch der nur gibt. Nie etwas für sich fordert. Auch in dieser Nacht in LA. Ich war es, der sich ihr anbot. Sie schenkte mir nur, was ich mir wünschte.
Am nächsten Morgen war sie verschwunden.
Zuerst dachte ich noch…. schön, es war ein wunderbarer Abend. Auf ins nächste Abenteuer. Mit meiner damaligen Freundin war schon lange nicht mehr alles so, wie man es sich wünschte und ich muss zugeben, dass ich einer Affäre nie abgeneigt war.“
Ich machte eine Pause und trank einen Schluck Wein.
„Ich kann sie mir nicht als Aufreißer vorstellen. Soviel ich weiß, waren sie doch ihren Freundinnen immer treu.“ Gil hatte die Arme auf den Tisch gestützt und hörte mir gespannt zu.
„Sagen wir mal, ich war sehr diskret. Also weiter. In den folgenden Monaten hatte ich sehr viel gearbeitet. Wir drehten damals Books of Souls. Beide Folgen parallel. Damals wusste ja noch keiner, dass die Filme nicht den gewünschten Erfolg haben würden. Also knieten wir uns mit allen Kräften in die Dreharbeiten. Dazu kam die Promotion für drei Filme von mir, die neu herauskamen. Ich jettete in jeder freien Minute einmal um den Erdball. Du kannst dir sicher vorstellen, was Kate damals sagte. Keine Frau bleibt so lange alleine und freut sich, wenn sie ihren Freund nur noch aus Zeitschriften kennt und seine Stimme nur noch in Interviews hört. Sie machte Stress und wir beschlossen uns zu trennen. Bald war die Luft bei mir raus. Ich versuchte meinen Doc davon zu überzeugen, dass ich mich mit ein paar Pillen in dieser Zeit über Wasser halten könnte, aber er wollte davon nichts hören und erpresste mich. Entweder ich mache eine Pause, oder er zieht mich aus dem Verkehr. Was sollte ich also machen? Viele Alternativen hatte ich nicht zur Auswahl. Entweder ich würde zusammenbrechen und in der Gosse als versoffener Schauspieler enden, oder ich machte einen langen erholsamen Urlaub. War nur die Frage: Wo kann ein bekannter Schauspieler sich vom Stress erholen, ohne gleich von Fans und Fotographen aufgelauert zu werden? Und da fiel mir wieder Scarlett ein. Natürlich hatte ich sie nicht vollkommen vergessen. Sie hatte einen besonderen Platz in meinem Herzen bekommen. Immer wenn ich nach ihr einem anderen Menschen begegnete, verglich ich ihn mit ihr. Auch Kate hatte diesen Vergleich über sich ergehen lassen müssen. Aber jetzt hatte ich plötzlich Sehnsucht nach ihrer Unbefangenheit, der Art, wie sie ihr Haar zurückwarf, den kleinen Sommersprossen auf ihrer Nase. Ich beauftragte Robin, sie für mich zu finden. Zusammen mit einer Agentur für verdeckte Ermittlungen… ja lachen sie ruhig… ok ich habe einen Detektiv nach ihr los geschickt…. aber wir haben sie gefunden. Im Sommer, 6 Monate nach unserem ersten Treffen, stand ich plötzlich mitten in der Nacht vor ihrer Tür.“
„Und sie hat sie nicht rausgeschmissen?“
„Sie war kurz davor. Es war wie verhext. Nicht nur ich steckte in einer Krise, auch sie hatte große Probleme. Sie ist Schriftstellerin. Hatte ich das schon erwähnt? Nein?“
Gil schüttelte den Kopf.
„Also sie schrieb diese Schmöker für Frauen. Nette kleine Werke über die Liebe. Aber sie fühlte sich nicht wohl damit und hatte mit etwas Großem angefangen, was niemand haben wollte. Sie hatte zu dieser Zeit ein Drehbuch fertig, dass von einem Regisseur zum nächsten geschickt wurde und für das sich niemand interessierte. Das zog sie runter. Woher sollten wir auch wissen, dass der Film dazu 6 Jahre später für zwei Oscars nominiert werden würde. Damals also standen wir zwei uns ziemlich fertig gegenüber. Trotz ihrer eigenen Probleme hatte sie mich bei sich aufgenommen. Das war der schönste Urlaub, den ich je hatte. Wir redeten nicht viel, gingen spazieren und ich hatte das Gefühl, als wäre ich zu Hause angekommen. Und auch wenn alles mit einer harmlosen Freundschaft angefangen hatte. Als meine Schonfrist abgelaufen war, wusste ich, dass ich nicht mehr ohne diese Frau leben wollte. Aber wie schon einmal gesagt, sie war anders. Jede Andere wäre mir ohne zu zögern gefolgt, hätte sich stolz an meiner Seite präsentiert. Scarlett war niedergeschlagen, sie hatte versucht ihre Tränen zu verbergen und überließ mir die Entscheidung, was ich aus unserer Freundschaft machen wollte.“
„Und sie haben sie wiedergesehen?“
„Ja das habe ich. Keine drei Wochen später zog sie nach LA und ab da sahen wir uns täglich.“
Ich schüttelte den letzten Rest der Weinflasche in das Glas und trank es aus.
„Aber da war doch nach dieser Kate keine andere lange Beziehung. Eigentlich auch keine kurze. Hieß es nicht sogar zeitweise, dass sie vom anderen Ufer wären?“
Gil war Feuer und Flamme.
„Erinnere mich bloß nicht daran. Die Zeit war ja wohl die Schrecklichste, die ich durchmachen musste.“

Ich stand auf und beendete damit den Abend. Auf dem Weg zu unseren Zimmern schwieg ich. Erst kurz vor meiner Tür, verabschiedete ich mich von Gil. Er würde nicht eher weggehen, bevor er nicht das Geräusch des sich drehenden Schlüssels gehört hatte. „Mr. Boody, haben sie denn nun mit dieser Frau zusammen gelebt?“
„Morgen Gil. Wie sagten sie? Wir haben viel Zeit. Gute Nacht.“
„Gute Nacht Mr. Boody.“

Erst als wir am nächsten Morgen wieder unterwegs waren, setzten wir unser Gespräch fort. Ich hatte eine unruhige Nacht hinter mir. Die Gespenster der Vergangenheit hatten mich eingeholt. In den ersten Stunden bereute ich es, dass ich so offen zu Gil sprach. Immerhin konnte er mit diesem Wissen an die nächstbeste Zeitschrift herangehen und mich bloßstellen. Später dann, als ich mich etwas beruhigt hatte und der Wein eine bleierne Müdigkeit in meine Glieder geschickt hatte, spürte ich, dass ich eigentlich schon lange darauf gewartet hatte, mich jemandem anzuvertrauen. Und war es nicht auch das, was Scarlett erwartete? Auch wenn sie es nie ausgesprochen hatte, ich wusste, dass ich sie erst dann an meiner Seite haben würde, wenn ich mich offen zu ihr bekennen würde.
Wir hatten die Plätze gewechselt und Gil fuhr. Heute fehlte die Krawatte und der oberste Knopf stand offen. Gil taute auf. War das ein Eingeständnis, dass er begann mich auch als Menschen zu sehen, und nicht nur als zu beschützendes Ding? Ich nahm es wohlwollend zur Kenntnis.

„Ich mag dieses offene Land mit den Feldern. LA ist auch schön, keine Frage, aber trotzdem muss man lange suchen, bis man einen Platz findet, an dem es keine Menschen gibt.“ Begann ich meine Rede. Gil grunzte zustimmend.
„Als Scarlett damals zu mir kam, war ich nicht im geringsten überrascht. Ich hatte es erwartet. Auch weiß ich jetzt, dass ich selbst nie den ersten Schritt gegangen wäre. Ich hätte sie wohl nie wieder gesehen, nach unserer gemeinsamen Zeit. Dazu war es viel zu unwirklich gewesen. Zu schön, als dass es ewig hätte dauern können. Aber als sie vor meiner Tür stand, konnte ich nicht mehr nein sagen. Wir einigten uns darauf, dass sie die Betreuung von Smily, meinem Hund übernahm. Ich konnte mich nicht ständig um ihn kümmern und die vielen Reisen konnte ich dem Tier auch nicht zumuten.“
„Sie hat für sie gearbeitet?“
„Nicht direkt. So hatten wir einen Grund uns zu sehen und für die Öffentlichkeit war es bald normal, dass ich in ständiger Begleitung eines Bodygard und meiner Hundesitterin war. Scarlett hatte weiter an ihren Werken gearbeitet. Ihr Drehbuch wurde zwar angenommen, aber es verschwand in einer Schublade. So vergingen einige Monate in denen ich ausgeglichen und ruhig war. Mein Doc war stolz auf sich und seine Urlaubstherapie, Robin konnte die Flut der Drehbücher kaum bewältigen und hatte nur die Sorge, dass mein sogenanntes Verhältnis nicht aufflog und ich hatte Scarlett, wann immer ich es wollte. Sie drängte nie, dass sie mich so selten sah, wollte mich auf keinen Partys begleiten, hielt Abstand, wenn wir unter Menschen waren. Nur in den wenigen Stunden, die wir für uns hatten, war sie ein anderer Mensch. Diese Frau hatte so unendlich viel Liebe zu verschenken.
Und ich nahm mit beiden Händen, ohne Rücksicht. Das Leben hätte ständig so weiter gehen können.“
„Das hört sich sehr egoistisch an.“ Gil bremste kurz ab, als ein Eichhörnchen die Straße überquerte. Wir fuhren gerade durch einen dichten Nadelwald.
„Ich war solch ein Idiot. Leider hatte ich nicht mit dem Schicksal gerechnet. Es hatte noch so einige Überraschungen für mich, die in diesem perfekten Leben nicht eingeplant waren. Das erste Mal schlug es im Frühjahr zu. Es war in Paris. Irgendeine Premiere eines Films. Ich kann mich gar nicht mehr an den Titel erinnern. Als ich das Hotel verließ, um mich zur Premierenparty fahren zu lassen, steckte mir der Concierge ein Kuvert zu mit den Worten: Eine unbekannte Dame hat mir dies für sie gegeben und bat darum, dass ich es ihnen persönlich überreiche.“
„Und was war es? Von einem Fan?“
„Das war auch mein erster Gedanke. Aber dann hätte der Mann die Frau bestimmt nicht als Dame bezeichnet. Also sitze ich im Wagen, Robin wie immer neben mir, und öffne den Brief. In ihm steckte ein kleines Schwarz/Weiß-Foto und auf der Rückseite stand in einer mir sehr bekannten Handschrift: Wir lieben dich Dad.“
„Au…ein Scherz?“
„Leider nein. Ich wusste erst nicht so recht, was ich davon halten sollte. Robin riss mir das Foto aus den Händen, erbleichte und keuchte, dass ich glaubte, sie würde mir wegbleiben. Als ich den Wagen schon fast anhalten wollte, hatte sie sich gefangen und erkundige sich, warum ich so ruhig war. Sie selbst zitterte am ganzen Körper. Ich Trottel war noch immer der Meinung, ich würde hier vor der versteckten Kamera sitzen. Lachend versuchte ich sie zu beruhigen. Das Lachen verging mir, als sie mir erklärte, was genau ich da in den Händen hielt. Ein Ultraschallfoto von einem Fötus… mit Scarletts Namen darauf und dem Vermerk… 11. Schwangerschaftswoche… Du kannst dir vorstellen, dass ich jetzt auch anfing zu zittern. Es war kein Scherz. Nicht, wenn es wirklich von Scarlett kam.“
„Robin muss ja wirklich sauer gewesen sein.“
„Oh ja…. leider musste ihr Vortrag über die Verantwortung meinem Job gegenüber warten, denn wir hatten unser Ziel erreicht. Ich verstaute das Foto sicher in meinem Jackett und wir stiegen beide freudestrahlend aus und gingen die lange Schlange der Reporter und Fotographen ab . Wir hatten die Hälfte des Weges geschafft, als mich Robin unauffällig am Ärmel zog und meinen Blick neben den Eingang lenkt. Da stand sie. Bleich, frierend und vollkommen ruhig neben all den hektischen Fans und Reportern. Meine Scarlett. Jetzt wusste ich, dass es wahr war. Ich wurde Vater.
Wie immer, wenn sie sich unsicher und beobachtet fühlte, hatte sie ihre Haare offen gelassen und ließ die rote Mähne ins Gesicht fallen. Robin versuchte mir zu sagen, dass ich keinen Skandal provozieren sollte. Aber ich sah nur die großen Augen, die blassen Lippen in dem so geliebten Gesicht. Ein Fan lenkte mich kurz ab und als ich wieder aufsah, war sie weg. Einfach nicht mehr da. Ich sah mich überall um, konnte sie aber nicht mehr entdecken.
Dieser Abend war der Schrecklichste in meiner ganzen Laufbahn. Ich saß wie auf Kohlen. Erst nach 4 Stunden schaffte ich es, mich unauffällig zu entfernen.“
„Und sie haben sie gefunden?“
„Ich wusste ja nicht wo ich suchen sollte. Paris ist riesig und da such mal die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Also hatte ich für mich beschlossen, dass ich das Hotel aufsuche, den Concierge ausquetsche und dann alle Hotels abklappere. Gesagt getan. Der Mann hatte seine Schicht beendet und der erste Teil meines Plans hatte somit keinen Erfolg. Also blieb nur noch Teil Zwei. Allerdings war das im Anzug nicht umzusetzen , also beeilte ich mich, auf das Zimmer zu kommen. Als ich aus dem Lift stieg, sah ich sie. Sie saß auf dem Boden vor der Zimmertür und wartete. Ich war so froh, dass sie da war.“
„Also haben sie dann einen auf Familie gemacht?“ Gil war nicht einen Moment unaufmerksam. Ich spürte richtig, wie er mitfieberte.
„Du kennst Scarlett nicht. Sie war unglücklich über die Schwangerschaft. Wir hatten die Rollen getauscht. Sie machte sich Vorwürfe, dass sie die Schuld daran hatte, dass es passiert war. Dabei hatte ich selbst nicht einen Gedanken an Verhütung verschwendet. Hatte wie immer alles ihr überlassen. Sie bat mich sogar, zu gestatten dass sie das Kind entfernen ließ. Das kam natürlich nicht in Frage. Also zeigte ich ihr das Bild und ihren Text. Ich fragte sie, wann sie diese Worte geschrieben hätte. Gleich als sie davon erfahren hatte, war ihre Antwort.
Ich dann wieder: ‚Also hast du dich gefreut’
Sie: ‚Ja, aber es ist nicht richtig.’
Ein Wort ergab das andere und irgendwann hatte ich sie so weit überzeugt, dass ich mich auf das Kind freute. Im Wirklichkeit wusste ich nicht, was ich damit sollte. Was bitte schön hatte ein Kind im meinem Leben verloren? Ich würde es doch kaum sehen können. Und schon begann die heile Welt zu zerbröckeln. Du hast vorhin gesagt, ich wäre egoistisch gewesen…. der Egoismus begann erst.
Ich zwang Scarlett aus LA zu ziehen. Schickte sie aufs Land. Nach Montana…. nach Bozeman. Eine schwangere Frau durfte nicht in meiner Nähe zu sehen sein. Dadurch sahen wir uns noch seltener. Wir telefonieren viel und schickten uns Briefe. Ok, sie schickte Briefe. Ich lebte wieder mein altes Leben. Nahm mir, was mir das Leben gab.“
Gil warf mir einen langen Seitenblick zu.
„Sie müssen mir das alles nicht erzählen Mr. Boody.“
Er hatte wohl instinktiv gespürt, dass ich jetzt zum unangenehmen Teil der Geschichte kam.
„Gil, ist es wirklich so, dass wir Männer eigentlich das schwache Geschlecht sind und die Frauen das Starke? Dass wir immer vor der Verantwortung fliehen und so tun, als würde es uns nichts angehen?“
„Ich weiß nicht. Sie sind etwas älter als ich Mr. Boody. Bisher hatte ich sie als fehlerfreien Menschen angesehen. Aber jetzt….“
Er ließ den Satz unbeendet.
„Ja, jetzt bin auch ich nur ein Mensch, der seine Fehler gemacht hat.“
Schweigend fuhren wir weiter.
Ich hatte heute viel gesagt und einem Menschen das Bild über mich zerstört. Auch fühlte ich mich nicht in der Lage weiterzusprechen. Zu viele Emotionen und Bilder waren wieder wach geworden.
Gil drängte mich nicht.
Der Tag endete damit, dass ich das Abendbrot in meinem Zimmer einnahm, behütet von Gil, der ein wachsames Auge auf meine Zimmertür hatte und einem erneuten, unruhigen Schlaf.

Der dritte Tag unserer Reise.
Wir hatten den Norden Nevadas erreicht und würden bald an die Grenze von Idaho kommen.
Gil war ruhig geworden. Er sah mich kaum noch an und ich vermute, dass er noch immer mit dem kämpfte, was er erfahren hatte. Und ich wollte ihn auch nicht überfordern. Also versuchte ich es mit einer Ablenkung. Wir waren in den Tagen weit gekommen und konnten uns eine kleine Pause erlauben. Gegen Mittag erreichten wir die ersten Ausläufer der Berge. Hier gab es ein kleines Camp, das an den Abenden ein Barbecue veranstaltete und wo man den Fluss hinabfahren konnte. Es war wie eine Wildwasserbahn für kleine Kinder. Dorthin dirigierte ich Gil.
Das Camp hatte geöffnet. Leider wurde es nicht mehr von Samuel, dem alten Ranger geleitet, aber mir wurde versichert, dass er am Abend immer vorbeikommen würde.

Gil freute sich wie ein Teenager über die Fahrt im Kajak. Glücklich lag er in der Sonne, die unsere Sachen wieder trocknete, und blinzelte zu mir herüber. „Woher kennen sie diese Ecke hier? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein bevorzugtes Urlaubsgebiet vom Schauspielern ist.“
„Nein, das ist es wirklich nicht. Ich war hier das erste Mal mit einer Kindergruppe.“
„Mit einer Kindergruppe? DU? Ähm.. sie?“
Es wurde Zeit für den nächsten Teil meines Lebens.
„Ja ich. Aber bevor ich davon erzähle, lass mich dort weiter machen, wo ich gestern aufgehört habe. Wie weit war ich?“
„Sie hatten Scarlett weggeschickt.“
„Richtig. Wie immer ging sie ohne Widerworte und fügte sich. Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, dass sie ein willenloser Mensch war. Sie konnte sich schon durchsetzen, wenn sie etwas wollte. Nur wenn es um mich ging, stellte sie alles zurück. Ich drehte weiter und ging meinen Verpflichtungen nach. Und wie ich angedeutet hatte, war ich ihr nicht treu. Warum auch? Ich war weder verheiratet, noch hatten wir eine feste Beziehung. Das Kind verdrängte ich. Zwar erkundigte ich mich nach ihrem Befinden und auch nach dem Baby, das in ihr wuchs, aber ich kann nicht behaupten, dass es mich wirklich interessierte. Dazu war ich zu weit entfernt. Als sie hochschwanger war und es ihr immer schwerer fiel, alles alleine zu bewerkstelligen, holte sie ihre damalige Haushälterin nach. Mathilda…. Und ab da war es vorbei mit meinem ruhigen Leben. Sie rief täglich an. Ich weiß bis heute nicht, ob Scarlett etwas davon wusste.
Zum ersten Mal erfuhr ich, wie es wirklich um sie stand. Die Schwangerschaft war nicht halb so harmlos, wie Scarlett mir eingeredet hatte. Sie hatte sich einen Virus eingefangen, der ihr Leben bedrohte. Und um das Kind zu schützen, verzichtete sie auf die Einnahme der Medikamente. Mathilda öffnete mir die Augen, in dem sie mir zeigte, dass auch ich Verantwortung den beiden gegenüber hatte. Anfang August erhielt ich dann den Anruf, dass Scarlett ins Krankenhaus musste. Sie war gestürzt. Mathilda hatte am Telefon geweint.
Und das war der Auslöser für mein Gehirn, endlich mal nachzudenken. Denn Mathilda weinte nie. Sie schreit, wütet, schimpft, aber wenn sie weinte, dann stand es schlimm um Scarlett. Also setzte ich mich in den ersten Flieger und war 10 Stunden später im Bozeman.“

Mich fröstelte. Trotz der Sonne, die noch immer über uns stand.
„Wollen wir ein Stück gehen?“ Gil hatte sich etwas übergezogen. Er kaute auf seiner Unterlippe. Für mich war das immer ein Zeichen dafür, dass er sehr nervös war.
„Ja lass uns zum Felsen dort hinten gehen. Da kann man im Herbst riesige Forellen fangen.“ Nebeneinander gingen wir gemächlich den mit kleinen Steinen belegten Weg entlang. Das Lachen spielender Kinder drang an unser Ohr und vom Felsen aus, konnten wir sie auch beobachten, wie sie an einer seichten Stelle in den Fluss sprangen und sich gegenseitig bespritzten.
„Es muss schön sein, eigene Kinder zu haben.“
„Ja es ist ein wunderbares Gefühl.“
„Dann hat das Kind überlebt? Sie hatten wirklich eine Tochter?“
„Ja. Ich hatte wirklich eine Tochter. Ich hatte das Krankenhaus kaum betreten, als ich auch schon Mathilda sah. Sie zog mich gleich in einen Aufzug……“

Plötzlich war alles wieder da…der Geruch…das Gemurmel…. die Angst….

…………. „Mathilda, was ist passiert?“
„Warum warst du egoistischer Mensch nicht bei ihr? Wenn sie stirbt, hast du sie auf dem Gewissen.“ Ein Schwall von Beschimpfungen traf mich. „Bitte beruhige dich. WAS IST PASSIERT?“
„Sie ist hingefallen. Da war so viel Blut. Und jetzt wacht sie nicht wieder auf.“ Mathilda schien wirklich am Ende zu sein. Sie rieb mit dem Taschentuch ihre geröteten Augen und lehnte sich an mich. Ich hatte diese Frau nur ein einziges Mal gesehen. Ansonsten mir nur ihre Beschimpfungen gefallen lassen. Vorsichtig legte ich ihr meine Hand auf die Schulter.
„Was ist mit dem Kind?“ fragte ich leise. Fast ging die Frage im Zischen der aufgehenden Türen unter.
Mathilda konnte mir nicht antworten. Erneut flossen ihr die Tränen aus den Augen. Also war das Kind tot? Bedeutete es das?
Wir waren noch keine fünf Schritte gegangen, als ein Arzt auf uns zukam. „Sind sie der Vater des Kindes?“ Mathilda nickte an meiner statt. „Kommen sie bitte gleich mit. Da die Mutter noch immer nicht erwacht ist, brauchen wir ihr Einverständnis. Die Zeit wird langsam knapp.“ Noch immer ohne Ahnung, was hier passierte, folgte ich dem Mann in sein Zimmer. Mathilda blieb draußen.
„Mr….“
„Boody.“
„Ja, ich weiß. Mrs. Dounel hat uns ihren Namen angegeben, für den Fall, dass ihr etwas passieren sollte.“
„Sie wird doch wieder oder?“ so ganz langsam bekam ich Angst.
„Ich denke ja. Aber wichtiger ist es, das Kind zu retten. Durch den Virus hat sich der Fötus nicht normal entwickeln können. Aber sie haben einer Abtreibung nicht zugestimmt. Und da sie sich für das Kind entschieden haben, werden wir jetzt unser Möglichstes tun, um das kleine Leben zu erhalten. Die Kleine hat….“
Ich habe einer Abtreibung nicht zugestimmt? Das Kind hat sich nicht normal entwickelt? Und ich bin wirklich nicht im falschen Film? Er meint mich? Scarlett? Mein Kind?
„… Mr. Boody? Ist ihnen nicht gut?“ Ich hatte nicht zugehört. Der Doc sah mich besorgt an und stellte mir sicherheitshalber ein Glas Wasser hin. Ich war dafür dankbar und trank es aus, schon um mehr Zeit zum Denken zu haben. Aber der Doc redete weiter auf mich ein.
„Auch so ist die Chance sehr gering, dass die Kleine überleben wird. Im Moment wird sie künstlich beatmet. Es ist nicht auszuschließen, dass aufgrund der Komplikationen auch Schäden am Gehirn bleiben.“
„Doc… was genau wollen sie mir sagen? Bitte verpacken sie es nicht in rosa Schleifchenpapier.“ Falscher Film!!! Eigentlich wollte ich nicht hören, was er zusagen hatte. Ich will dieses Kind nicht. Ich will Scarlet wieder…für mich alleine….
„Das Kind wird, wenn wir es retten können, behindert sein. Bis jetzt können wir nicht einschätzen, welche Zentren betroffen wurden. Aber sie müssen damit rechnen, dass die Kleine ein Pflegefall sein wird.“
Stille.
Ich sah den dunklen Wasserfleck, der sich hinter dem Kopf des Doc an der Tapete gebildet hatte. Er hatte die Form einer runzeligen Wallnuss. Wenn ich ein Auge zukniff, dann verwandelte er sich sogar zu einem hässlichen Zwerg, der mir die Zunge rausstreckte.
„Mr. Boody? Haben wir ihr Einverständnis zur Operation?“
„Was würde passieren, wenn ich nein sage?“
Pures Entsetzen sprang mich an.
Mit einer solchen Frage hatte der Doc nicht gerechnet.
„Dann wird die Kleine die nächsten drei Tage mit Gewissheit nicht überleben.“
Noch immer kein Ok von mir.
Der Doc erhob sich. „Kommen sie bitte mit.“
Wie eine Marionette stand ich auf und ging ihm nach. Mein Gehirn war vollkommen überfordert mit der Situation. Ich war nicht darauf gefasst. Meine heile Welt zerbrach plötzlich in tausend kleine Scherben. Und dann stand ich vor ihr. Es war der fieseste Trick den Ärzte drauf haben. Mitleid erregen. In einem Glaskasten, winzigklein und gespickt mit Schläuchen, lag mein Kind. Mein Kind? Dieses Miniding da sollte mein Fleisch und Blut sein? „Sie können sie anfassen.“ Eine Schwester öffnete eine kleine Klappe in dem Kasten und lächelte mich an. Ich sollte meine Hand da einstecken? Viele Augenpaare beobachteten mich. Ausschlaggebend dafür, dass ich meine Hand in den Kasten steckte, waren die rotunterlaufenden von Mathilda, die auf der anderen Seite des Kastens stand. Vorsichtig näherte ich meine Finger dem rosa Ding. Ein Arm von diesem Kind war so lang wie mein Finger. Noch vorsichtiger strich ich über den winzigen Kopf. Und in diesem Moment öffneten sich die kleinen Augen und ich wusste… das ist mein Kind… Scarletts und meine Tochter.
„Operieren sie.“ Sagte ich und zog die Hand zurück.
Plötzlich begann alles um uns herum zu leben. In Sekundenbruchteilen war das Kind herausgeschoben worden und wir standen alleine neben der Schwester, die uns zu einem separaten Wartezimmer brachte.
Mein Kind. Das Ding hatte mich angesehen. Angesehen mit braunen Augen.
Meine Tochter. Ich hatte eine Tochter. Die Haut war ganz warm gewesen.
Warten….
Die Zeit tropfte nur so dahin….
Warten….
Eine Stunde….
Die Schwester brachte uns einen Kaffee und Zeitschriften.
Ob sie wusste, wer ich war? Natürlich wusste sie es. Mein Name hatte an dem Kasten gestanden.
Zwei Stunden…..
Draußen wurde es dunkel
Stille unterbrochen vom Schluchzen Mathildas.
Ich begann wie ein Tiger auf dem Gang auf und ab zu laufen.
Sechs Schritte… quietschend umdrehen…. sechs Schritte
Wenn ich die Füße voreinander setzte?
Eins… zwei…. drei…. zisch….
Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich und ich fuhr herum. Der Doc kam heraus und sah erschöpft aus. Seinen Kittel hatte er noch in der Hand.
Mathilda war neben mich getreten und ich nahm ihre Hand in die meine.
„Doc?“
Zwei bange Augenpaare klebten an seinen Lippen.
„Sie hat es überstanden.“
Ich atmete auf und Mathilda brach schon wieder in Tränen aus.
„Sie hat es bis jetzt überstanden. Das bedeutet aber nicht, dass sie über den Berg ist. Wenn sie die nächsten 2 Wochen übersteht und sich entwickelt, erst dann können wir davon ausgehen, dass sie es überleben wird. Mit den genannten Einschränkungen. Entschuldigen sie mich. Ich muss nach einem anderen Patienten sehen.“
„Doc?“
„Ja, Mr. Boody?“
„Wann kann ich meine Tochter sehen?“
„Morgen früh.“
Dann verschwand er mit quietschenden Sohlen.
„Was meint er mit Einschränkungen?“
Mathilda hatte ihr Hand befreit und sah mich feindselig an. „Er meinte, dass die Kleine behindert sein wird.“
„Körperlich? Geistig? Ein Krüppel?“
„Ich glaube, er meinte geistig. Scarlett muss es gewusst haben.“
„Oh dieses Biest… ich bring sie um, wenn sie da wieder rauskommen sollte.“ Das war der Ton, den ich von Mathilda gewohnt war.
„Wo wirst du wohnen?“ fragte sie mich.
„Ich dachte bei euch?“
„Warum? Du warst die ganzen Monate nicht für sie da. Soll ich dir sagen, warum sie sich für das Kind entschieden hat? Obwohl die Ärzte ihr abgeraten haben, es zu bekommen? Sie wollte etwas von dir haben. Wenn sie dich nicht haben konnte, dann wenigstens einen Teil von dir. Ich hatte immer gedacht, dass du ein vernünftiger Mensch bist, mit diesem Starrummel umgehen kannst. Aber alles war nur Fassade. Du bist nicht besser, als jeder andere aus deiner Gilde. Such dir ein Hotel!“ sprach sie und rauschte ab. Mich hinterließ sie sprachlos. Gott…. sie hatte so Recht. Ich hatte nur an mich gedacht. Ich war es gewohnt nur an mich zu denken. Scarlett hatte nie von mir verlangt, dass ich mich um sie kümmere. Und so war ich bis zum Schluss der Überzeugung, dass sie auch ohne mich sehr gut klar kam. Dass sie mich nie um Hilfe bitten würde, daran hatte ich nicht gedacht.
„Schwester?“ rief ich und augenblicklich tauchte sie neben mir auf.
„Wo finde ich Scarlett Dounel? Darf ich zu ihr?“
„Aber selbstverständlich Mr. Boody. Kommen sie.“ Sie brauchte mich einen Flur tiefer. Die Schritte hallten im Treppenflur, das weiße Licht flackerte in den Neonröhren.
Dumpf fiel die schwere Brandschutztür hinter uns zu. Wieder das Quietschen der Schritte. Vor einer der Türen blieb sie stehen und öffnete sie erst einen Spalt breit, dann weiter. Das Zimmer war in ein Halbdunkel gehüllt. Nur die Gestalt in dem Bett wurde von einer kleinen Lampe über dem Kopf angestrahlt.
„Sie können hier bleiben. Wenn sie möchten, bringe ich ihnen noch eine Decke.“ Flüsterte die Schwester. Da ich keine Antwort gab, entschied sie alleine, dass ich beabsichtigte zu bleiben und legte eine Decke aus einem Schrank neben der Tür auf das zweite Bett. „Wenn sie etwas benötigen, dann klingeln sie bitte.“ Sie zeigte noch auf den Knopf neben dem Bett und verließ mich dann. Erst jetzt brachte ich den Mut auf, mich Scarlett zu nähern. Das Einzige, was mich noch an die schöne Frau erinnerte, waren ihre Haare. Ihr Gesicht war eingefallen, die Arme dünn und die Haut durchsichtig wie Papier.
Regungslos lag sie da. Ich war solch ein Idiot….
„Scarlett verzeih mir. Ich werde es wieder gut machen. Ich verspreche es.“ Aber sie konnte mich nicht hören und mir keinen Trost spenden. Ich zog einen Stuhl dichter und setzte mich neben sie. Wenn sie aufwachte, dann sollte sie mich wenigstens jetzt sehen.
Hier, in diesem dunkeln Zimmer, das bleiche Gesicht vor mir, begann ich nachzudenken. Versuchte ich, mein Leben nachzuvollziehen, mir Rechenschaft abzulegen.
Hatte ich wirklich zwei Leben auf dem Gewissen? Ich hoffte es nicht und ich schwor mir, alles wieder gut zu machen. Den ersten Anfang hatte ich mit der Kleinen gemacht. Hatte Scarlett schon einen Namen für sie? Ich konnte ja nicht immer Kleine zu ihr sagen. Meine Tochter! Ob sie die Haare ihrer Mutter bekommen würde? Oder irgendwas gemischtes? Ich hatte nur einen weichen Flaum gespürt, der irgendwie dunkel aussah. Aber die Nase war meine. Und die Augen. Eindeutig braun. Von wegen, alle Babys haben blaue Augen. Meine Tochter war anders. Schließlich war sie meine Tochter.
Scarlett erwachte in dieser Nacht nicht. Am Morgen kam ein anderer Arzt. Er sah nach Scarlett, erkundigte sich, wer ich sei und als er hörte, dass ich der Vater des Kindes war, brachte er mich sogar persönlich zur Kinderstation. Meine Kleine war jetzt noch schrecklicher anzusehen, als gestern. Der kleine Brustkorb war eingewickelt, aber an den Monitoren konnte ich das kleine Herz schlagen sehen. Es folgte eine Stunde ausführliche Belehrung in Sachen Hygiene und Umgang mit der Kleinen. Dann wurde ich duschen geschickt.
Ich hatte so viel verstanden, dass ich keinerlei Keime oder solch Zeug anschleppen durfte. Mit Hilfe der Schwester ergatterte ich ganz in der Nähe des Krankenhauses ein kleines Zimmer. In der Dusche schrubbte ich mir fast die Haut herunter. Ich wusste, dass das alles sinnlos war, aber ich wollte keinen Fehler machen. Als nächstes hatte ich einen schweren Anruf zu machen. Robin musste darüber informiert werden, dass ich auf unbestimmte Zeit ausfiel……

„Es muss schrecklich für sie gewesen sein.“ Hier unterbrach mich Gil mit mitleidvoller Miene.
„Ja das war es. Aber nur für einen Tag. Ich hatte eine neue Aufgabe bekommen und die bestand darin, das Kind zu retten. Ich wollte es für Scarlett tun. Wenn sie wieder aufwachte, dann sollte sie eine Familie haben.“
„Wer hat dem Kind einen Namen gegeben?“
„Das war ich. Es war am sechsten Tag, den ich im Krankenhaus verbrachte. Mittlerweile kannten mich alle diensthabenden Schichten und auch die anderen Eltern, die ihre Kinder auf dieser Station hatten. Weißt du Gil, das war eine merkwürdige Zeit. Angesichts dieser Kinder in den Brutkästen, mit der Aussicht auf Behinderungen, haben die Eltern sich richtig verwandelt. Sie haben sich gegenseitig Halt gegeben. Oft saßen wir in einer Ecke zusammen und haben darüber nachgedacht, wie es sein würde, wenn unsere Kinder aufwachsen und eben anders wären. Ich habe zu ihnen gehört, denn ich war nur ein besorgter Vater. Ich muss nicht erwähnen, dass die Schwestern mit mir besonderes Mitleid hatten, denn sie wussten ja, dass Scarlett sich zwar langsam erholte, der Virus bekämpft war, aber sie noch immer nicht aufgewacht war. Dann an dem bewussten 6. Tag, kam Erika, eine schon sehr betagte Oberschwester zu mir und befahl im Feldwebelton, dass ich mir die Hände zu waschen hätte. Und sie duldete nie eine Widerrede. Also ich los und schrubbe mir zum hundersten Mal an diesem Tag die Finger. Dann plötzlich…. saß ich in einem Lehnstuhl und sie drückte mir die Kleine in den Arm. Einfach so. Die Schläuche waren auf ein Minimum reduziert und ich saß da, mit diesem Federgewicht und hatte Angst zu atmen.“
„Wie war dass, wenn man sein Kind im Arm hält?“
„Unbeschreiblich. Als würdest du auf dem Mond spazieren gehen und alle Sterne vom Himmel sammeln. Ich kann das nicht beschreiben. Und während ich da saß, die anderen Mütter fast einen Kollaps bekamen, weil ich sie endlich aus dem Kasten hatte, wusste ich, wie ich sie nennen wollte. Hope…. Hoffnung….“
„Hope… ein schöner Name.“
„Ja. Mathilda fand ihn zwar ätzend, aber in ihren Augen hatte ich sowieso nur das ewige Fegefeuer verdient.“
Ich stand auf und streckte mich. „Lassen wir es gut sein für heute Gil. Suchen wir den Ranger und lassen wir uns etliche Geschichten aus seinem Leben erzählen. Die werden bestimmt um einiges fröhlicher, als mein Gerede.“

Gesagt, getan. Der Abend klang mit einem Lagerfeuer aus und Samuel brachte es wirklich fertig, dass ich für einige Zeit meine Sorgen vergaß.

Am nächsten Morgen wunderte ich mich darüber, wie gut ich geschlafen hatte. Lag es an dem Selbstgebrannten des Rangers, oder daran, dass ich den alten Gespenstern endlich ein Gesicht gab und sie frei ließ? Ich denke, es war Letzteres. Ich fühlte mich befreit.

Diesmal gab es keine lange Schweigeminute. Wir hatten das Camp kaum verlassen, als Gil mich bat weiter zu erzählen.
„Der Rest ist nicht mehr so spannend. Hope hatte es geschafft. Ihr Herz schlug, sie nahm sogar schneller zu, als die Ärzte erwartet hatten und bald darauf konnte auch die Atemhilfe abgeschaltet werden. Nach drei Wochen wurde sie verlegt und kam heraus aus dem Kasten. Mein kleines rosa Ding sah schon wie ein richtiges Baby aus. Und ich hatte sie lieb gewonnen. Bis dahin zeigte sie keine Anzeichen einer Behinderung und ich redete mir ein, dass die Ärzte übertrieben hatten. Ständig verglich ich sie mit den anderen Kindern. Mit der Erlaubnis der Ärzte brachte ich sie dann täglich zu Scarlett. Auch sie hatte wieder etwas mehr Farbe im Gesicht, sah aber noch immer zu dünn aus. Man erklärte mir, dass das bei künstlicher Ernährung nicht anders sein. Wieder verbrachten wir einen Nachmittag in Familie. Ich hatte einen von den bequemen Lehnstühlen in das Zimmer bringen lassen und Hope schlief auf meinem Arm. Bisher hatte sie sich noch nie über meine Versuche, ein Schlaflied zu singen, beschwert. Ich erinnere mich noch, wie ich sie etwas höher nahm, weil ich ihre Stirn küssen wollte. Babys riechen einfach zu gut. Ständig möchte man seine Nase an ihnen haben. Als ich also meinen Kopf so senke, fange ich den Blick von Scarlett auf. Da war sie doch still und leise erwacht? Ohne sich zu mucksen? Einfach so? Sie sah uns beide einfach an. Also stand ich auf, legte ihr das winzige Bündel in den Arm.

Ab da ging es mit uns allen aufwärts. Scarlett war mit Hope als Namen einverstanden. Nach weiteren drei Wochen zogen wir alle zusammen in das kleine Haus, das sich Scarlett gekauft hatte. Auch davon hatte ich keine Ahnung gehabt. Ich wusste vieles nicht. Da sie selbst noch nicht in der Lage war sich vollständig um die Kleine zu kümmern, übernahm ich das. Natürlich immer unter dem wachsamen Auge von Mathilda. Ich blieb 3 Monate. Dann musste ich wieder los. Du kannst dir vorstellen, wie schwer es mir gefallen war. Aber Robin hatte mit allem möglichen gedroht und die Vertragsstrafen, die ich hätte zahlen müssen, waren enorm. Also packte ich eine kleine Tasche und zog wieder los. Aber ich war ein anderer Mensch geworden. Noch immer hielt ich alles geheim. Ich hatte es Robin versprochen. Mein Image sollte nicht leiden. Jede freie Minute war ich in Montana. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann ist es schon ein Wunder, dass über die ganzen 4 Jahre niemandem das aufgefallen war.“
„Hatte die Kleine Behinderungen?“ erkundigte sich Gil.
„Ja. Es wurde uns schnell klar, dass die Ärzte Recht behalten sollten. Sie konnte eine Körperseite kaum bewegen, auch schien es, als würde sie nicht sprechen lernen. Wir konsultierten die bekanntesten Spezialisten und machten jede empfohlene Therapie. Alles mit dem Erfolg, dass sie zu ihrem dritten Geburtstag wenige Schritte an der Hand gehen konnte. Ihre Stimme habe ich nie gehört.“
„Aber wenn alles gut gelaufen ist, warum ist sie dann gestorben?“
„Ein Blutgerinnsel hatte sich gebildet. Sie hatte nicht leiden müssen und ist im Schlaf gestorben.“
„Sie sagen das so einfach.“
„Jetzt kann ich darüber reden. Damals war es die Hölle für uns. Immerhin hatte ich zwei Leben. Meine Trauer über den Verlust konnte ich nur bei Scarlett leben. In der anderen Welt, war ich der junge, ledige, nette Mann, den alle mögen.“
„Das stelle ich mir schwer vor.“
„Es war, als würde ich in meinem eigenen Leben eine Rolle spielen. Aber diesmal hatte ich Scarlett und Mathilda. Ich habe sie nicht mehr vernachlässig und bin nach, wie vor, noch immer in jeder Drehpause bei ihnen.“
„In dieser Zeit haben sie dann auch das mit dem Projekt für die Kinder begonnen? Jetzt verstehe ich das erst.“
„Ja, deshalb sammele ich Spenden für die Stiftung und fahre einmal im Jahr mit einer Gruppe von schwerstbehinderten Kindern und ihren Eltern in das Camp.“
„Das wusste ich alles nicht.“ Murmelte Gil nachdenklich.
„Wie solltest du auch? Bisher kennt nur Robin die ganze Geschichte.“
„Und warum haben sie mir alles erzählt?“
„Weil es Zeit ist, dieses Versteckspiel aufzugeben.“ Ich zog die kleine Schachtel aus der Jackentasche und klappte den Deckel hoch.
„Sie wollen Scarlett heiraten?“ Das schien das Happyende zu sein, auf dass Gil die ganze Zeit gewartet hat.
„Ich stelle ihr diese Frage seit 5 Jahren immer am Geburtstag von Hope, immer an der gleichen Stelle und immer bekomme ich die gleiche Antwort.“
„Sie will nicht?“
„Nein, sie will nicht.“
„Aber warum? Ich dachte sie lieben sich?“
„Oh ja, wir lieben uns wirklich. Ich kenne den Grund nicht.“
„Und wird sie diesmal ja sagen?“
„Wer weiß?“
Ich rieb ein letztes Mal über den schmalen Goldreif und klappte das Kästchen wieder zu.
Da wir nur noch ein kurzes Stück zu fahren hatten, beschlossen wir nicht mehr zu rasten und den Rest des Weges noch am Abend zurückzulegen. Ich kündigte uns bei Mathilda an und so war das Haus hell erleuchtet, der Tisch draußen auf der Veranda gedeckt, als wir ankamen.
Scarlett sah wie immer atemberaubend aus. Die Haare trug sie offen, die Jeans waren die ältesten die sie hatte, die Bluse verwaschen und auf der Wange prangte ein blauer Fleck. Ich umarmte sie, als hätten wir uns ewig nicht gesehen und beendete den Kuss etwas schneller als üblich, da wir Gil als Zuschauer hatte.
„Schatz, darf ich dir Gil Ludgers vorstellen?“
Ihr Lächeln ließ sogar meinen Bodygard weiche Knie bekommen. Ich konnte es daran erkennen, wie seine Gesichtszüge weicher wurden und er beim Lächeln sogar Grübchen bekam. „Schau an, der Mann, der seinen Rücken hinhält, wenn du die Schläge bekommen sollst. Willkommen Mr. Ludgers.”
„Sagen sie ruhig Gil zu mir. Es ist mir eine Ehre, dass ich sie kennen lernen darf.“
Jetzt erntete ich einen scharfen Blick.
Ausweichmanöver….
„Wo ist Smily?“ Der Hund hatte mich nicht, wie üblich, begrüßt.
„Er spielt mit den Kindern hinter dem Haus. Komm, sie können es kaum erwarten dich zu sehen.“ Scarlett hakte sich bei mir ein.
„Sie haben noch mehr Kinder? Aber ich dachte…“
Gil verstummte unter meinem Blick.
Scarlett blieb stehen. „Was dachten sie denn Gil?“
Er wand sich wie der Regenwurm am Angelhaken. Sieht witzig aus, wenn ein Kerl von 1,90m und doppelt so breiten Schultern wie ich, plötzlich verlegen wird.
„Nun, Mr. Boody erzählte mir von ihrer Tochter Hope und er hat nicht erwähnt, dass er noch mehr Kinder hat.“
„Ach er hat ihnen das erzählt?“ Jetzt war ich in der Rolle des Regenwurms.
Kinderlachen erklang plötzlich und um die Ecke schossen ein schwarzer Hund und zwei über und über mit Schlamm bespritzte Kinder.
„Ich hab dir doch gesagt, dass er da ist.“
„Onkel Rollo!“
„Ihr Racker…wie seht ihr denn aus?“
Vergessen alle der Stress der letzten Wochen, die Gespräche mit Gil, das zu erwartende Nein, morgen Abend.
All das hatte mich hierher gebracht.
Ich ging in die Hocke, um die Kinder zu umarmen.
Hinter mir hörte ich, wie Scarlett Gil erzählte, dass wir die Kinder adoptiert hatten. Auch sie waren mit Behinderungen auf die Welt gekommen, allerdings hatten ihre Eltern sie nicht gewollt und sie gleich nach der Geburt freigegeben. Freya und Kenny lebten jetzt seit 2 Jahren bei uns. Smily, der in Würden altgeworden war, war froh, dass ich ihm die Kinder vom Leib hielt.
„Wir haben eine Schlammschlacht gemacht. Und eine Schlammburg gebaut. Komm, wir zeigen dir die…“ Ich schaffte noch einen entschuldigenden Blick über die Schulter, als ich auch schon fortgezogen wurden.

Scarlett und Gil folgten nicht, sondern gingen zurück zur Veranda.

Die beiden gaben mich erst wieder frei, als Mathilda um die Ecke kam und zum Abendessen rief.
„Roland…. Freya…. Kenny… ab unter die Dusche. Die Sachen bleiben im Flur. Welch eine Schweinerei wieder.“ Schimpfte sie. Wir fingen erst wieder an zu lachen, als wir uns die Sachen auszogen und ich mit den beiden im Bad verschwand. Auch dort hinterließen wir Chaos, saßen aber eine halbe Stunde später mit nassen Haaren und sauberen Gesichtern am Tisch.

Wie immer wurde viel erzählt. Aber heute war nicht ich der Star am Tisch, sondern Gil. Er verstand sich wunderbar mit den Kindern. Hoffentlich würden sie nicht schlecht schlafen, nach all den Schauergeschichten, die er ihnen erzählte.
Freya konnte gar nicht genug davon bekommen.

Es war schon spät, als wir endlich Ruhe geschaffen hatten. Gil war geschafft von der Fahrt und ging gleich nach Mathilda ins Bett. Jetzt saß ich unter Montanas Sternenhimmel, hatte Scarlett auf dem Schoß und spielte mit ihren Haaren.
„Warum hast du Gil von Hope erzählt?“ Sie hatte ihren Kopf an meine Schulter gelehnt und die Augen geschlossen.
„Er hätte es hier ja doch erfahren.“
„Nein, hätte er nicht. Du hättest bei der üblichen Lüge bleiben können.“
„Vielleicht wollte ich, dass es jemand erfährt?“
„Wollen wir noch ein Stück gehen?“ Sie nahm meine Hand in die ihre und wie immer gingen wir den Hügel hinauf, auf das kleine Wandstück zu, wo unter der alten Eiche der kleine, weiße Grabstein stand.
„Sie war wunderbar.“
Scarlett wischte ein Blatt vom Stein und zupfte einen abgestorbenen Blütenkopf von den kleinen Veilchen.
„Ja das war sie.“ Gab ich ihr Recht.
„Wirst du morgen wieder fragen?“
„Ja werde ich. Wirst du antworten?“
„Ja werde ich.“
„Noch immer die gleiche Antwort?“
„Das erfährst du morgen.“