Das leben (3)

Das Leben (3) Solche Geschichten kann nur das wahre Leben Schreiben hie nun die Fortsetzung.
Es vergingen Stunden und diese wurden zu Tagen. In jeder freien Minute ruhte der Blick auf dem Weg vor meinem Haus. Jeder fremde Wagen ließ mein Herz etwas schneller schlagen. Doch mit jeder neuen Enttäuschung verlor sich auch das Glänzen in meinen Augen.Der graue Alltag zog wieder bei mir ein.Ich saß an meinem Schreibtisch und sah dem Wechsel der Jahreszeiten zu. Der Winter hatte noch einmal kurz Einzug gehalten und alles mit weißem Pulverschnee überzogen. Die Wiesen und Felder, die ich sehen konnte, lagen dick eingepackt und jeden Nachmittag beobachtete ich die Kinder, die mit ihren Schlitten die sanften Hügel hinunterrodelten. In der Dämmerung und in der Nacht traute sich das Dammwild aus dem nahen Wald heraus und nicht selten konnte ich die Tiere in Mathildes kleinem Garten nach dem letzten Grünkohl suchen sehen. Ich vertrieb sie nicht. Zum einen mochte ich das Zeug eh nicht und zum anderen hätte Mathilde dann erfahren, dass ich in der Nacht nicht schlief.

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Erotikgeschichte das Leben

Mein neues Projekt hatte mich ununterbrochen beschäftigt. Selbst wenn ich im Bett lag, ließ mich die Geschichte nicht los und nicht selten stand ich wieder auf, setzte mich in mein Zimmer und schrieb.
Es sollte etwas vollkommen Anderes werden. Ich hatte keine Lust mehr über Liebesabenteuer zu schreiben. Es war immer das Gleiche. Er kam, sah und siegte. Und wenn sie nicht gestorben sind….
Dabei sah die Wirklichkeit bei weitem nicht so rosig aus. Es widerstrebte mir im Moment diese Lügen über das Leben zu schreiben. Eine tiefe Depression machte sich bemerkbar.

Mein Verleger wartete auf die Fortsetzung von „A little Wink“. Ich hatte versucht ihm beizubringen, dass es keine Fortsetzung geben würde. Ich konnte die Geschichte einfach nicht beenden.
Meine neue Idee wurde von ihm nicht unterstützt. Martin setzte mir ein Ultimatum. Entweder ich lieferte ihm in zwei Monaten eine Rohfassung der Fortsetzung, oder er würde aus dem Vertrag aussteigen.
Jetzt war der Frühling bereits dem Sommer gewichen und ich hatte keinen Verleger mehr. Trotz meines Erfolges haben mich alle hängen lassen. Mein Genre war festgelegt und der Ausbruch daraus würde entweder mit meinem Untergang oder mit tiefen Narben enden.

„Mathilde? Ist die Post nicht eben gekommen?“ rief ich die Treppe hinunter.
„Ja! Du kannst auch zum Mittag kommen!“
Ich tippte den Satz zu Ende und schloss den Deckel des Laptops. Schnell lief ich die 30 Stufen ins Erdgeschoss und schlitterte um den Pfeiler in die Küche hinein.
„Nudelauflauf mit Mozarellasoße…!“ kündigte Mathilde das Essen an.

Ein Blick auf den Postberg und erneut kam die Ernüchterung.
„Ich habe keinen Hunger!“ murmelte ich enttäuscht. Wieder waren zwei Absagen mit meinem Manuskript zurückgekommen. Eine einzige Antwort stand noch aus.
„Kind, nimm es dir doch nicht so zu Herzen. Du hast noch immer die Kurzgeschichten. Schick sie Martin und er wird begeistert sein, wenn er sie herausbringen kann. Er wartet doch nur darauf, dass du dich wieder meldest!“
Mutlos schüttelte ich den Kopf. Ich würde es schaffen. Irgendwie musste es klappen. Ich nahm eine Wasserflasche mit nach oben und setzte mich auf den Balkon. Die Füße auf der Brüstung, den Kopf mit geschlossenen Augen an die Wand gelehnt, ließ ich mich von der Sonne wärmen.
Schritte hinter mir sagten mir, dass Mathilde nicht kampflos aufgab.
„Scarlet was ist mit dir los? Seit du damals diese merkwürdige Reise hattest, bis du vollkommen verwandelt. Warum willst du mir nicht erzählen, was vorgefallen ist? Und komm mir nicht mit der Ausrede, dass da nichts war.“
„Mati…. da war nichts. Nichts, was es wert wäre, dass ich es dir erzähle. Lass mich doch damit in Ruhe.“
„Und was ist mit diesem komischen Paket?“
„Nichts!“ Sie machte sich Sorgen und ich konnte sie verstehen. Wie eine Mutter hatte sie in den letzten drei Jahren über mich gewacht. Hatte mir alles aus dem Weg geräumt, was meine Arbeit in irgendeiner Weise beeinträchtigen könnte. Mathilde hatte ein besseres Gespür für meine Stimmungen als ich selbst.
„Nichts!“ schnaufte sie laut und begann geräuschvoll aufzuräumen. Laut genug, dass ich es hören konnte, schimpfte sie vor sich her.
„Zum Aufräumen bin ich gut genug…. zum Kochen… ich frage mich, warum ich das überhaupt noch mache….sie isst es ja doch nicht….nichts gewesen… ich könnte schwören, da steckt ein Kerl dahinter….. es sind doch immer die Kerle, die die besten Mädchen versauen. Aber ich bekomme das noch raus. Und wenn ich den erwische, dann kann der sich was anhören. Schlecht sieht mein Schatz aus… Martin ist auch ein Verräter….Es wäre ein leichtes für ihn, mit seinen Beziehungen ihr Zeug an den Richtigen zu bringen….. “

Ich versuchte meine Ohren abzuschalten. Leider umsonst! Nein es war kein Kerl…..die hatten in meinem Leben keinen Platz. Ich wollte doch nur etwas Eigenes, etwas Anderes auf die Beine stellen.
Es war eine Lüge, mit der ich mich selbst betrog. Es war mir nicht möglich weiter meine Storys in der hergebrachten Form zu schreiben, weil sich ständig braune Augen in meine Gedanken schmuggelten. Ich hatte wirklich alles versucht von ihm loszukommen. Welchen Zauber er auch angewandt hatte, diese wenigen Stunden waren selbst jetzt, 7 Monate später, noch immer in mir wach, als hätte ich ihn erst gestern aus dem Zimmer gehen sehen.

Ich liebte die Wärme der Sonne auf meiner Haut. Dieser Platz hier war mir der Liebste. Ich konnte bis an den Horizont sehen. Die Sonnenblumenfelder standen in voller Blüte, der Mais umsäumte die Feldwege und die Luft roch stark nach dem Jasmin, der am Haus empor rankte.
„Mati ich brauch dich heute nicht mehr.“
„Wie, du brauchst mich nicht mehr? Und das Abendbrot? Das Korrekturlesen? Wir wollten doch versuchen die Fortsetzung weiterzuspinnen!“
„Ich möchte heute noch ein wenig ausruhen. Vielleicht morgen. Du kannst dem Nachmittag mit deinen Enkeln verbringen.“
„Schon verstanden. Mathilde wird nicht gebraucht.“
Ich erhob mich und ging zu ihr hinüber.
„Mati… sei doch nicht eingeschnappt. Es gibt Abschnitte in meinem Leben, über die du nicht alles wissen musst. Sei wieder lieb.“ Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Sie druckste noch eine Weile umher, bevor sie sich geschlagen gab.
„Ich stell den Auflauf in den Kühlschrank. Wärm ihn dir auf, wenn du Appetit hast. Und mach keine Dummheiten. Wenn du reden willst, du weißt, ich bin für dich da.“
„Danke, weiß ich doch.“

Endlich allein! Wieder setzte ich mich auf den Balkon und genoss die Sonne, die Ruhe und den Sommer. Mir fielen einige Sätze ein, eigentlich nur Phrasen, die ich in meinen Notizblock niederschrieb, um sie irgendwann einmal verarbeiten zu können. Als die Sonne schwächer wurde, holte ich den Laptop nach draußen und öffnete die versteckte Datei. Da war sie – die Fortsetzung. Fast fertig…. das Beste, was ich bisher geschrieben habe. Zumindest in meinen Augen. Erneut las ich sie durch, obwohl ich die Worte fast auswendig kannte. Mit jedem erneuten Lesen hatte ich daran herumgefeilt und jetzt war es perfekt. Selbst wenn ich wollte….jedes Wort war exakt an dem Platz, an dem es sein sollte. Fehlte nur noch der Schluss. Meine Finger schwebten über den Tasten. Ich nahm sie herunter. Nein….wieder schaffte ich es nicht, die Geschichte zu einem Ende zu bringen. Die Worte lauerten in meinem Kopf darauf, endlich heraus kommen zu dürfen. Sie waren da… aber ich weigerte mich, sie aufzuschreiben. Denn mit diesem Ende würde ich auch etwas in mir beenden, wozu ich nicht bereit war.

Ich schloss die Datei wieder und änderte das Passwort. Sicher war sicher.
Ob es mir heute gelang früher ins Bett zu gehen? Und ob ich heute einmal eine Nacht durchschlafen würde? Einen Versuch konnte es nie schaden.
Also ging ich durch das Haus, verschloss die Fenster in den beiden unteren Etagen und begab mich in mein Schlafzimmer. Mathilde hatte das Bett neu bezogen und wieder beide Bettdecken nebeneinander gelegt. Kopfschüttelnd schmiss ich das zweite Bettdeck und auch das Kissen auf den Boden und zog das andere in die Mitte. Statt eines Schlafanzuges zog ich mir einen leichten Hausanzug über. Ich rechnete fest damit, dass ich die Nacht wieder im Dachzimmer beenden werde. Und so entfiel die lästige Umzieherei.
Als Schlummertrunk einen schweren Rotwein und wirklich… ich wurde müde.

Ich musste sogar geschlafen haben, denn als ich erwachte, war es draußen dunkel geworden. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es kurz nach Mitternacht war. Irgendetwas hatte mich geweckt. Es war nicht diese übliche Unruhe, sondern etwas anderes.
Da war es wieder. Ein Klopfen! Jemand schlich um das Haus und klopfte an die Scheiben. Leise schlich ich hinunter, darauf bedacht, mich im Schatten zu halten, für den Fall, dass der oder die Fremde durch eine Scheibe in das Innere des Hauses sah. Am Küchenfenster sah ich einen Schatten vorbeihuschen und kurz darauf klingelte es an der Tür.
Ich verhielt mich blöd. Wer sollte denn was von mir wollen? Also öffnete ich die Tür einen kleinen Spalt breit.
„Hi Scarlett!“
Ich versuchte meinen Gegenüber zu erkennen. Männlich… groß….schlank…. die Stimme… unbekannt…
„Sie wünschen?“ Ich verkleinerte den Spalt.
„Entschuldige…. du kennst mich sicherlich nicht mehr. Wir hatten uns nur einmal getroffen. Und…. es war eine blöde Idee hierher zu kommen. Leb wohl.“
Er drehte sich um und in dem Moment, wo er sich mit der Hand durch die Haare fuhr, wusste ich, wen ich da vor mir hatte. Wäre ein Blitz dicht neben mir eingeschlagen, hätte er mich nicht stärker erschrecken lassen. Mein Herzschlag setzte für einen Moment aus.
„Rhett…. sorry…. Roland? Warte!“
Er drehte sich halb zu mir.
„Also doch nicht vergessen?“
„Wie könnte ich? Komm rein!“
Ich öffnete die Tür weiter und ließ ihn ein. Ein kleiner Schatten huschte an mir vorbei.
„Ich hoffe, es macht dir nichts aus und du hast keine Hundephobie. Smily ist mein ständiger Begleiter.“
Ich sah, wie ein kleiner schwarzer Kopf mit Knopfaugen und Schlappohren um die Ecke guckte. Der Hund legte den Kopf schief und sah mich ebenso treu an, wie sein Herrchen.
„Geh durch!“ sagte ich nur.
Merkwürdig…. ich hatte mir unser Wiedersehen tausendmal durch den Kopf gehen lassen. Verschiedene Varianten durchspielt und doch war es jetzt vollkommen anders.
Keine stürmische Umarmung, kein Kuss…. nur ein merkwürdiges Gefühl in der Bauchgegend, dass hier etwas nicht stimmte. Ich sah ihm nach, wie er eine Tasche neben der Treppe abstellte und sich umsah.
„Du hast es schön hier.“
Ich konnte es nicht fassen. Er war hier! Stand direkt vor mir, ich könnte ihn berühren, wenn ich nur zwei Schritte vortrat. Mühsam versuchte ich meine Aufgewühltheit zu verbergen und schlug einen unverbindlichen Ton an.
„Roland, es ist mitten in der Nacht. Ich habe seit über einem halben Jahr nichts von dir gehört. Ich habe, wenn ich ehrlich bin, nicht damit gerechnet dich überhaupt wiederzusehen. Jetzt stehst du in meinem Haus und bist bestimmt nicht hier um mir zu sagen, dass ich es schön habe!“
„Scarlet… darf ich ein paar Tage bleiben?“
Keine Antwort auf meine nicht ausgesprochene Frage. Er wich auch meinem Blick aus. Das Gefühl, dass hier was faul war, verstärkte sich. Meine Unruhe wuchs. Aber ich wollte nicht weiter in ihn drängen. Er würde alleine anfangen zu sprechen, wenn ihm danach war. Wie sollte ich mich jetzt verhalten? Was tun?
„Hast du Hunger? Ich habe noch einen Auflauf im Kühlschrank.“
„Das wäre super. Ich habe seit dem Mittag nichts mehr gegessen.“
Ich schob ihn in die Küche und begann das nächtliche Mahl vorzubereiten. Dabei sah ich des öfteren zu Roland. Er saß auf seinem Stuhl, den Blick auf den Boden gerichtet, wo sich der Hund hingelegt hatte. Die Hände lagen wie leblos auf seinen Schenkeln. Das Gesicht war eingefallen und die Augen hatte dunkle Ringe. Die Lippen waren fast farblos. Er hatte kaum Ähnlichkeit mit dem jungen Mann, der strahlend und mit federnden Schritten über die Bühne ging.
In den letzten Monaten war etwas passiert, das ihn verändert hatte. Es tat weh, ihn so zu sehen.
Während der Auflauf im Ofen stand, setzte ich mich ihm gegenüber.
Das war so grotesk. Ich hatte eine gemeinsame Nacht mit diesem Mann, träumte Tag und Nacht von seinen Berührungen, seiner Stimme, seinen Augen und doch wusste ich außer seinem Namen nichts von ihm. Monatelang hatte ich mich geweigert, Näheres über ihn in Erfahrung zu bringen.
Wie oft hatte ich die Suchanfrage nach ihm im Internet eingegeben? Hundertmal? Tausendmal?
Nicht ein einziges Mal habe ich OK gedrückt.
Ich wollte meine Träume nicht zerstören, wenn ich erfuhr, wer er wirklich war.
Nun saß er in meiner Küche, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.
Schweigen… Schweigen kann vieles bedeuten. Einverständnis, Hilflosigkeit….
„Warum bist du hier?“ Ich musste es wissen!
„Ich wusste nicht wohin sonst.“ Er sah mich an. Mit erschreckend leeren Augen.
„Ich verstehe es trotzdem nicht. Du kennst mich nicht. Wir waren nur….drei…vier? Wie viele Stunden zusammen? Woher weißt du, wie ich zu finden bin? Was bezweckst du?“
Warum fragte ich dies? War es nicht egal? Er saß hier vor mir… bei mir…. greifbar…fühlbar… ich sollte meinen Frieden gefunden haben.
Jetzt drehte er sich endlich ganz zu mir und legte die Arme auf den Tisch.
„Reicht es dir wenn ich sage, dass ich einen Ort brauchte, an dem ich Ruhe und einen Menschen finden kann, der mich versteht?“
„Warum ich? Warum hier?“ Nein verdammt es reichte mir nicht. Wusste er nicht, was er alles in mir aufwühlte? Welche Gefühle er in mir weckte, die ich tief in mir verschlossen hatte?
Ich sprang auf und holte den Auflauf aus dem Ofen. Der Tisch war schnell gedeckt. Weder er noch ich aßen besonders viel. Es war mehr Höfflichkeit, die mich dazu brachte, einige Bissen hinunterzuwürgen. Ihm schien es ähnlich zugehen. Schon nach den dritten Bissen legte er die Gabel beiseite.
„Ich habe mich erkundigt. Es war einfach deiner Spur zu folgen. Du bist nicht unbekannt und kannst nicht einfach spurlos verschwinden. Ich konnte damals mit dir reden. Verstehst du? Du warst vollkommen fremd und trotzdem schien es, als würde ich dich seit ewigen Zeiten kennen. Ich dachte, dass wir was Gemeinsames hätten. Dass wir uns noch immer verstehen würden.“
Ich verstand es nicht. Aber zu dieser Zeit würden wir wohl nichts Sinnvolles mehr herausbringen.
„Was kann ich dem Hund geben?“ lenkte ich ab, nur um ihn nicht ansehen zu müssen. Er würde in meinen Augen lesen können, wie ich in den seinen.
„Nur etwas Wasser bitte. Er hat alles bekommen, was er braucht.“
Also stellte ich dem Tier eine Schüssel mit Wasser hin.
„Komm, ich zeige dir, wo du schlafen kannst.“ Seufzte ich mehr oder weniger begeistert.
Mit hängenden Schultern folgte mir Roland in das Schlafzimmer. Es war so ziemlich der einzige Raum im ganzen Haus, der abgelegen genug für einen Gast war. Er hatte ein eigenes Badezimmer und war vor allem abschließbar.
„Ich möchte dir aber keine Umstände bereiten. Eine Couch reicht vollkommen.“
Während er versuchte sich weiter zu rechtfertigen und zu entschuldigen, wechselte ich das Bettzeug und nahm das von mir benutzte unter den Arm.
„Du kannst hier bleiben. Geh schlafen. Morgen können wir weiter reden. Badezimmer ist links. Wenn du etwas brauchst, ich bin eine Etage höher. Ruf mich!“
Damit wandte ich mich um und verließ das Zimmer.
„Scarlet?“
Ich drehte mich in der Tür um.
„Danke.“
„Ich setzte niemanden mitten in der Nacht vor die Tür.“ War meine Antwort und ich zog die Tür hinter mir zu.
Oben angekommen legte ich alles auf das Sofa und stellte mich vor die Fensterfront. Es war eine Nacht wie jede andere auch und doch schienen die Wolken, die vom Mond erhellt wurden, schneller zu ziehen, ständig dunkler zu werden. Selbst die Sterne hatten heute keinen besonders hellen Glanz. Eine verrückte Nacht. Unfähig zu schlafen, schaltete ich meinen Computer ein. Gespenstisch leuchtete der Bildschirm in der Dunkelheit. Ich musste es beenden. Je schneller um so besser.
Flink huschten meine Finger über die Tasten.
Es waren nur die ersten Gedanken, zusammenhangslose Wörter, die einmal als perfekte Sätze das Werk vervollständigen sollten. Seite um Seite füllte sich, bis mich ein kratzendes Geräusch aus den Gedanken herausholte. Ich stand auf und blickte die Treppe herab. Da saß der Hund vor der Tür seines Herrn und blickte mich an. Er hob eine Pfote und es schien, als würde er damit auf die Tür deuten und sagen wollen… verstehst du das? Er hat mich ausgesperrt….
Ich ging zu ihm und strich ihm über das kurze Fell. „Er lässt dich sonst nie draußen nicht wahr?“
Die kühle Schnauze stupste meine Hand in Richtung Tür.
Ich erhob mich wieder und drückte den Griff herunter. Die Tür öffnete sich lautlos. Durch den schmalen Spalt drängte sich der Hund. Leise, regelmäßige Atemzüge drangen zu mir und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen. Auf Zehenspitzen näherte ich mich den Bett und der schmale Lichtstrahl des Treppenlichtes erhellte einen Teil seines Gesichtes. Im Schlaf waren die Schatten nicht mehr ganz so deutlich zu sehen.. Eine Falte hatte sich um die Mundwinkel gegraben und eine Haarsträhne fiel ihm über das Auge. Ich strich sie beiseite, zog ihm die Decke über die Schultern und ermahnte den Hund leise zu sein. Damit dieser sich frei bewegen konnte, ließ ich beim Hinausgehen die Tür nur angelehnt.
In der Küche machte ich mir eine Kanne Tee. Wieder oben angekommen, wickelte ich mich in eine Decke, wärmte mich an der Tasse und überlegte, wie ich das in ein paar Stunden Mathilde erklären sollte.

Mit Rolands Ankunft veränderte sich mein Leben schlagartig.
Ich hatte den Frühstückstisch bereits gedeckt und als wenn ein äußerst mieser Fernsehautor diese Szene inszeniert hatte, kam Roland in dem Moment die Treppe herunter, als Mathilde die Haustür öffnete. Ihre Reaktion war nicht so, wie ich es erwartet hatte.
„Oh…Männerbesuch?“ Ein schneller prüfender Blick mit einem Stirnrunzeln zu mir. „Guten Morgen. Ich glaube, ich habe zu wenig Brötchen mitgebracht.“
Das perfekte Bild. Roland auf der Hälfte der Treppe, der Hund mitten im Flur, Mathilde mit ihrer Brötchentüte vor dem Bauch und reinste Neugier und ich sprachlos in der Küchentür.
„Mathilde, das ist….“
„Roland Boody… ich bin im Bilde.“ Sie hatte wirklich ein unglaubliches Können, alle Prominenten gleich einordnen zu können. „Tag junger Mann. Kommen sie runter!“ Mathildes Befehlston ließ keine Widerrede zu.
Und schon drängte sie mich beiseite und schüttete die Gebäckstücke in den Brotkorb. Mir stand der Mund offen. Roland ging grinsend an mir vorbei, gab mir einen Guten-Morgen-Kuß auf die Wange und flüsterte dabei leise: „Mach den Mund zu! Wer ist denn diese reizende Lady?“
„Mathile…. mein erster Sargnagel!“ antwortete ich knurrend und setzte mich auf meinen Stammplatz. Während ich dem Wunsch widerstand Roland vor die Tür zu setzen und Mathilde zu lynchen, lauschte ich den Gesprächen der beiden. Es schien, als würden sie sich seit einer Ewigkeit kennen und wenn Mathilde überrascht war, ihn hier zu sehen, dann zeigte sie es nicht. Keiner der beiden nahm Notiz von mir.
„Sie haben also Urlaub genommen von ihrem Film?“ fragte gerade Mathilde. Sie wusste natürlich über alles Bescheid.
„Ja. Ich brauchte eine kleine Auszeit und im Moment werde ich dort nicht gebraucht.“
„Und woher kennen sie Scarlet?“ Jetzt musterte sie ihn sehr intensiv. Unterbrach sogar das Einschenken des Kaffees.
„Ich habe sie beim Golden Globe in LA kennen gelernt.“
„Wenn ich mich recht erinnere, haben sie dort aber keinen Preis bekommen oder?“
„Nein, ich war nur Presenter. An den Nominierungen arbeite ich noch.“ Charmantes Lächeln.
„Und wie genau haben sie Scarlett kennen gelernt?“ Jetzt folgte der stechende Blick, der sagte: und lüg mich ja nicht an.
„SEHR genau.“ Lautete die Antwort, begleitet von einem schnellen Seitenblick zu mir.
Ich ließ den Kopf auf den Tisch fallen. „Kann mich bitte jemand mal schnell wegbeamen?“
„Ach schau mal an….. Scarlet? Da war nichts? Ha, ich wusste es doch!!“
Napoleon hätte nicht triumphierender aussehen können.
„Hab ich was Falsches gesagt?“ Roland war ein wenig verwirrt.
„Alles in Ordnung…. du hast nur eben mein Leben in diesen vier Wänden ruiniert. Mati ich will das nicht ausdiskutieren!“
„Ach nein? Und was bitte macht er dann hier? Nichts passiert!!“ schnaufte sie mit einen abwertenden Gesichtsausdruck.
„Was weiß ich denn? Er tauchte hier in der Nacht auf und ich konnte ihn ja schlecht draußen stehen lassen!“
„Hallo? Redet ihr bitte nicht über mich, als wenn ich nicht da wäre?“ Kleiner, leiser Einwurf von Roland.
„Du willst mir also erzählen, dass du nicht wusstest, dass er kommt? Und der ganze Zirkus vorher? Jetzt wird mir einiges klar. Du warst nervös…. du wusstest nicht, wie du es sagen solltest, warst dir deiner Sache nicht sicher, du bringst hier ein glückliches Paar auseinander, weißt du das?“ Mathilde sprach immer lauter und schneller. Sie war nicht dumm. Hatte sich schnell alles zusammengereimt. Meine Euphorie, als ich „A little Wink“ schrieb, meine Stimmungsschwankungen während des Wartens. Meine depressiven Phasen in der letzten Zeit und auch meine Weigerung, an der Fortsetzung zu arbeiten. Bevor sie Roland all das präsentierte, musste ich es beenden.
„Das hab ich absolut nicht nötig.“ Ich sprang auf und der Stuhl schlug mit einen lauten Knall auf dem Fliesen auf. „Ich verschwinde!“
Mathildes Rufen begleite meine schnellen Schritte in den Dachboden. Noch schnellere Schritte folgten mir.
„Scarlet! Das Benehmen ist absolut nicht tragbar! Komm sofort wieder runter!“ Mathildes Stimme konnte man bestimmt noch draußen im Dorf hören.
„Scarlet, warte!“ Das war Roland, der mich auf der Hälfte der Treppe zu fassen bekam.
„Erklärst du mir, was hier gerade abgeht?“
„Lass mich los!“ zischte ich ihn an und riss mich los. Schließlich war er Schuld, dass ich langsam aber sicher die Kontrolle verlor. Im letzten Moment, bevor ich mich umdrehte und die restlichen Stufen zurücklegte, um mich in meinem Zimmer einzuschließen, sah ich noch einmal seine Augen. Leer und voller Traurigkeit.
Von unten konnte ich Stimmen hören. Leider nicht laut genug, um alles zu verstehen, was Mathilde Roland jetzt über mich auftischte.
Er machte also Urlaub. Hier… in einer Kleinstadt mitten im Nirgendwo. Ich brachte eine Beziehung auseinander? Klar war er gebunden. Daran hatte ich nicht einen Moment gezweifelt. Ein solcher Mann konnte nicht ledig und ungebunden sein. Was bitte hab ich gemacht, dass alle auf mir herumhacken? Voller Wut begann ich zu schreiben. Wirre Gedanken, nichts mit einem Sinn. Es würde sofort wieder gelöscht werden. Keine Frage!!! Aber ich musste mich irgendwie abreagieren. Ich hatte ihn nicht mal angefasst….. diese eine kleine Nacht…. na und? Er ist ja schließlich zu mir gekommen oder? Also ist er Schuld und nicht ich. Ich weiß ja nicht mal etwas über ihn!!! Aber das konnten wir ändern. Jawohl…das würden wir gleich ändern. Mathilde….. klar, die war ja im Bilde….. Beziehung, dass ich nicht lache…. vielleicht sogar Ehe und Kinder? Da mische ich auf keinen Fall mit. Zum Mittag wird der Herr das Haus verlassen haben….
Suchmaschine …. Roland Boody…… suchen….
Ach du Schreck, was ist das denn? 2.222.000 Suchergebnisse?
Was passierte, wenn ich meinen Namen eingab? 10.400 Ergebnisse.
Ok…. er war eindeutig beliebter. Na dann wollen wir mal sehen, wer da in meinem Haus Unfrieden stiftete.
Vor dem Haus bellte ein Hund.

Sternzeichen Steinbock – Der Steinbock ist ehrgeizig, entschlossen, kühl und melancholisch. Er ist ein unermüdlicher Arbeiter, der sich gern aufopfert und vor keiner Anstrengung zurückschreckt. Die Steinbockgeborenen planen ihren Weg mit viel Sorgfalt und Geduld. Um ihr Ziel zu erreichen, sind sie zu allem bereit und können dabei gut auf die Hilfe anderer verzichten. Sie sind verschlossen und introvertiert, doch manchmal haben sie plötzliche Ausbrüche von Impulsivität. Ihre Haupteigenschaften sind ihre Schüchternheit und Unsicherheit, die sie nur dann überwinden können, wenn sie sich von allen geliebt und geschätzt fühlen. In der Liebe sind die Steinbockgeborenen ernsthaft, beständig und treu, aber nicht sehr gesprächig.
Gut….da hätten wir eine tolle Beschreibung des Charakters des Herren. Beständig und treu? Ein hartes Lachen kam aus meiner Kehle. Und jetzt mal sehen, was die Fans so zu berichten haben.
Während ich meinen Recherchen nachging, kaute ich auf meiner Unterlippe. Der Mann schien keinen Makel zu haben. Hatte mehrere Filme gedreht. Erst im Mai war einer zu einem Riesenerfolg geworden. Danach boomte der Kult um diesen Mann erst richtig. Gab es einen Gesichtsausdruck, den die nicht auf Bildern festgehalten haben?
Ständig stieß ich auch auf Aufnahmen, die eindeutig ohne seine Kenntnis gemacht wurden. Roland beim Spazieren gehen, Roland beim Joggen, Roland mit Smily, Roland in einem Straßencafe, Roland mit seiner Freundin…. ach war die aber dünn. Ich musterte meine Rivalin. Hatte ich das wirklich eben gedacht? Sah ich in ihr eine Bedrohung? Scarlet, du baust da ein Problem auf, dass es nicht gibt, nicht geben darf. Bekomm dich langsam wieder in den Griff. Ermahnte ich mich. Aber ich verlor die Kontrolle.

Ein leises Klopfen an der Tür.
„Ich will keinen sehen.“
„Scarlet, mach auf!“ Mathilde….
„Verschwinde, ich verzichte auf weitere Anschuldigungen!“ Den Ton konnte sie überhaupt nicht ausstehen. Und die Antwort bekam ich auch sofort zu hören.
„Mein liebes Fräulein! Ich will dir mal was sagen! Du benimmst dich wie eine unreife Göre und nicht wie eine erwachsene Frau. Mr. Boody ist mit seinem Hund unterwegs und ich möchte, dass du auf der Stelle die Tür aufmachst und mir eine Erklärung gibst.“
„Ich habe dir nichts zu erklären. Du bist nicht meine Mutter, sondern meine Angestellte und wenn es dir nicht passt, wie ich mein Leben führe, dann kündige doch!“
Ruhe auf der anderen Seite.
„Wenn du mich brauchst, du hast meine Nummer!“ Mathildes Schritte auf der Treppe, das Knallen der Haustür, das Aufheulen ihres Wagens, als sie mit quietschenden Reifen losfuhr.
Ich stand auf dem Balkon und sah der Staubwolke nach. So schnell wie die Wut gekommen war, war sie auch wieder verraucht. Alles was übrig blieb, war Trauer und Verzweiflung.
Ein Wechselbad der Gefühle.
Unten klappte erneut die Haustür. Schnell öffnete ich die Zimmertür und rief hinunter: „Mathilde? Es tut mir leid!“
„Ich bin´s, Roland. Mathilde ist nicht hier!“
„Ich weiß.“ Murmelte ich. Ich hatte sie ja abfahren sehen. Langsam ging ich die Stufen hinunter und probierte mehrere Varianten des Lächelns aus. Bis in die Küche hatte ich zumindest mein Gesicht wieder unter Kontrolle.
„Sorry wegen vorhin. Aber sie mischt sich ständig in mein Leben ein und es reicht spätestens dann, wenn sie mein Liebesleben auseinander nimmt.“
„Ist eine nette alte Dame.“
„Das ist sie. Nervt nur eben manchmal etwas sehr. Was hat sie dir erzählt?“
„Nur, dass sie sich Sorgen um dich macht.“
„Aha.“ Im Fensterglas trafen sich unsere Blicke und ich war es, die sich zuerst abwandte.
„Du warst spazieren?“
„Du wohnst hier in einer wunderschönen Gegend.“
„Ich weiß, darum hab ich mir den Platz hier ausgesucht. Es gibt nur einen einzigen Ort, an dem ich mich noch lieber aufhalten würde.“
„Und der wäre?“
„Kein Kommentar!“ lächelte ich ihn an. Das war meine letzte Zufluchtstätte.
„Hab ich da ein kleines Geheimnis gefunden?“
„Ja auch ich kann noch überraschen. Aber da wir jetzt beim Thema sind. Wenn du die nächsten Stunden noch meine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen möchtest, dann würde ich jetzt wirklich langsam den Grund deiner Anwesenheit erfahren.“
„Du glaubst mir nicht, dass ich nur eine Freundin besuchen wollte?“
Ich dirigierte ihn hinaus zu den Gartensesseln.
„Nein…nicht nach der Art unserer Bekanntschaft. Also ich höre.“
„Das ist aber eine lange Geschichte.“ Er setzte sich auf einen Stuhl und legte die Beine hoch.
„Ich hab Zeit.“
„Du weißt nicht viel über mich oder allgemein über die Filmbranche nicht wahr? Mathilde erzählte mir, dass du kaum ins Kino gehst und der Fernseher nur zur Tarnung in der Schrankwand steht.“
„Das ist richtig. Wenn ich schreibe, darf ich mich von den Geschehnissen nicht beeinflussen lassen. Ich versuche alle äußeren Einflüsse auszuschließen, damit ich mich auf meine Arbeit konzentrieren kann.“
„Du hast viele Bücher. Was liest du so?“
„Mein letztes Buch war eine Abhandlung über die Entwicklung der Mode im 17. Jahrhundert in England. Aber du weichst wieder aus.“
„Nein. Das gehörte zur Einleitung. Siehst du, das ist der Grund, warum ich bei dir bin.“
„Weil ich nicht den Promiklatsch schaue und alte Abhandlungen lese?“
„Weil du ein normaler, unvoreingenommener Mensch bist. Ich erklär es dir. Beim Golden Globe bist du mir in dem Moment aufgefallen, als du in den Saal kamst. Du wirktest deplaziert. Obwohl alles an dir stimmt, das Kleid, die Frisur, selbst das Lächeln, hast du dort nicht hinein gepasst. Ich fühlte irgendwie, dass du dich unwohl fühltest. Spürte eine Verbundenheit. Ich kann das nicht richtig erklären. Dann passierten dir diese kleinen Missgeschicke…“
„Klar erinnere mich noch daran…“
„… also diese Missgeschicke und später, als wir redeten hattest du keine Berührungsängste vor mir. Ich war für dich nur ein Mensch. Kein Star, der auf ein Foto musste und gut genug für ein Autogramm war. Als ich meine Fragen stellte, hast du mir weder eine runter gehauen, noch bist du vor Schreck in Ohnmacht gefallen. Du bist so wunderbar normal.“
„Klar ich bin eine Landpomeranze.“
Er beugte sich vor und fasste nach meiner Hand.
„Falsch…. du bist ein wunderbarer Mensch.“
„Du kennst mich doch gar nicht, weißt nichts über mich.“ Ich überließ ihm meine Finger unter dem wachsamen Auge des Hundes.
„Irrtum. Ich weiß sehr viel über dich.“
„Du machst mich neugierig. Mit wem hast du über mich geredet?“
„Mit niemandem. Ok, ich habe meine Agentin beauftragt ein wenig zu spionieren. Allerdings ist über dich als private Person sehr wenig zu erfahren. Aber ich habe viel gelesen im letzten halben Jahr. Ich musste viel reisen und las deine Bücher.“
„Du hast meine Bücher gelesen? Diese, wie sagen Männer, Schundliteratur und Softpornos für gelangweilte Hausfrauen?“
„Was für eine Meinung hast du denn von deiner Arbeit? Die Stücke sind sehr schön geschrieben und sie sagen mehr über dich aus, als du denkst.“
„Ach ja? Was sagen sie denn?“
„Dass du unglücklich bist. Deinen Platz in dieser Welt noch nicht gefunden hast und dich nach der Liebe sehnst.“
„Das also hast du da herausgelesen? Und darum machst du jetzt hier Urlaub?“ fragte ich spöttisch um zu verhindern, dass er bemerkte, wie dicht er der Wahrheit gekommen war.
„Nicht ganz. Wenn ich ehrlich bin, dann hat mein Doc Schuld daran. Burn-out-Syndrom nennt er das. Nach dem Globe begann ich mit Dreharbeiten, die für ein ganzes Jahr vorgesehen waren. Es gab einige Komplikationen, die mehr Einsatz erforderten. Kurz nach Drehbeginn begann die Promotion für Drachenherz. Ich jettete nur noch zwischen den Bahamas und dem Rest der Welt umher. Fotoshootings mussten gemacht werden, auf allen Premieren hatte ich zu erscheinen. Drei Städte in 2 Tagen. Ich konnte nicht mehr Schlafen, bekam Essstörungen, versuchte es mit Tabletten. Der Druck wurde immer höher. Irgendwie erschien mir plötzlich alles sinnlos. Ich machte Fehler, arbeite noch härter um diese wieder zu beheben. Kate beschwerte sich, dass sie mich kaum noch zu Gesicht bekam. Also kam der Druck hinzu, auch sie zufrieden stellen zu müssen. Vor drei Wochen hat der Doc mir ein Ultimatum gestellt. Entweder ich nehme eine Auszeit, oder er redet mit meiner Agentin und nimmt mich aus dem Dreh. Da ich keinen anderen Menschen kenne, der unvoreingenommen mir gegenüber ist, hatte ich gedacht, ich komm mal eben so bei dir vorbei.“
Er schwieg und legte den Kopf mit geschlossenen Augen zurück. Seine Hand sank schlaff herab und gab meine Finger wieder frei.
Das erklärte sein verändertes Aussehen. Also war er hier, weil er Ruhe brauchte und nicht, um mich zu sehen.
„Du kannst so lange bleiben, wie du möchtest. Ich habe damit kein Problem. Ihr seit beide hier willkommen.“ Ich stand auf, strich dem Hund über das Fell und Roland über die Wange. Er rührte sich nicht.
Da schienen wir beide im gleichen Boot zusitzen. Ob das Sinn machte? Ich bezweifelte, dass seine Anwesenheit meine Leere ausfüllen könnte. Ich und ihm helfen? Diese Zeit würde die Hölle für mich werden.
„Ruh dich aus.“

Roland war ein ruhiger Gast. Er ließ mich arbeiten, beschäftigte sich alleine, las sehr viel und schien den Frieden hier zu genießen. Er war ständig in meiner Nähe. Wir leben zusammen, als hätten wir nie etwas anderes in unserem Leben getan. Wie selbstverständlich fügte er sich in den Alltag ein. Ich beendete meine Arbeit an diesen Tagen schon in den späten Nachmittagstunden und wir unternahmen lange Spaziergänge durch die Felder. Dabei unterhielten wir uns über alles, was uns in den Sinn kam. Arbeit war absolutes Tabuthema.

Ein einziges Mal gingen wir zusammen ins Kino und sahen einen Trickfilm. Ich habe nicht viel von dem Film mitbekommen, da ich Roland selten so gelöst gesehen hatte. Sein Lachen war ehrlich und herzhaft. Niemand hatte ihn an meiner Seite erkannt. Ich glaube, genau das war es, was er brauchte. Das Gefühl, ein normaler Mensch zu sein.
An diesem Abend hatten wir uns wie immer auf der Treppe verabschiedet und jeder war in sein Zimmer gegangen. Ich beendete den Tag mit einem letzten Eintrag in mein Tagebuch, bevor ich mich hinlegte und die Decke anstarrte.
Leise Schritte und ein huschender Schatten ließen mich meinen Kopf zur Seite drehen.
Roland stand in der Tür und sah mich an.
Ich rückte ein wenig zur Seite und hob die Decke an. Es waren keine Worte notwendig. Wir waren in unserer Therapie einen Schritt weitergegangen. Jeder brauchte die Nähe des Anderen. Er lag neben mir und hatte seinen Arm über mich gelegt. Es war nur eine unschuldige Umarmung. Keine Begierde, keine Lust – nur Sehnsucht.
Eine Sehnsucht nach etwas, was wir beide nicht erklären konnten.
Nach unendlichen, schlaflosen Nächten fand ich Ruhe.

Nach dieser Nacht änderte sich etwas in unserer, ich nenne es mal Beziehung. Wir waren mehr als Freunde geworden. Auch wenn mir klar war, dass es nicht sein durfte. Dass ich es stoppen musste, bevor einer von uns es bereuen würde.

Mathilde kam nicht zurück. Ich wusste, dass man über uns zu reden begann. Scarlet, die so anders war, hatte einen Mann in ihrem Haus. Einen mysteriösen Unbekannten. Dass niemand Roland kannte, sagte mir, dass Mati sich keinem anvertraut hatte. Und dafür war ich ihr dankbar.

Zwei wunderbare Wochen waren vergangen und Roland ließ immer wieder durchblicken, dass es Zeit war für ihn zu gehen. Wenn ich nachts erwachte und seinen Atem hörte, heimlich meine Lippen auf seine warme Haut legte und seinen Duft in mir einsog, konnte ich mir nicht vorstellen, jemals wieder allein sein zu müssen.
Die Distanz zwischen uns verringerte sich von Tag zu Tag. Bald genossen wir die ständigen kleinen, zufälligen Berührungen, die wir in den ersten Tagen vermieden hatten. Immer seltener wurden die Türen verschlossen. Immer häufiger legte er seinen Kopf in meinen Schoß, um sich von mir vorlesen zu lassen. Ich genoss es mit meinen Fingern die Fülle seines Haares zu durchkämmen. Wir lachten.
Es war so unendlich befreiend, wenn man sich nicht verstellen musste. Ich glaube, er hatte erkannt, was ich für ihn empfinde. Und er machte es mir leicht, mich ihm langsam zu nähern. Kate war kein Thema mehr. Ich wusste, dass ich mich sofort zurückziehen würde, wenn er die ersten Anzeichen zeigen würde, dass er mit dem, was wir taten, nicht einverstanden war.

Und irgendwann geschah dann das Unvermeidliche, das wir beide nur hinausgezögert hatten. Nach einem Sonnenbad cremte ich meine Haut und war so darin vertieft, dass ich Rolands Anwesenheit erst bemerkte, als ich in den Spiegel sah. Er stand an den Türrahmen gelehnt und seine Augen waren dunkler als sonst. Unsere Blicke trafen sich und hielten sich fest, während er sich mir näherte. Er nahm die Flasche in die Hand und begann, die Creme auf meinem Rücken zu verteilen. Noch immer sahen wir uns an. Er neigte seinen Kopf und begann, meinen Nacken zu küssen, während seine Hände zu meinen Hüften wanderten und meinen Bauch umfassten. Regungslos stand ich da und ließ ihn gewähren. Mein Atem ging schneller und mein Puls raste.

7 Monate der Sehnsucht bahnten sich einen Weg. Wir verließen drei Tage lang das Bett nur, um die notwendigsten Dinge zu verrichten. Die Fenster und Türen blieben verschlossen und Smily bekam seinen Auslauf in den Nächten, in denen wir uns unter dem Sternenhimmel liebten.

Es zerriss mich, als ein Anruf Roland wieder zurückbeorderte.
Niedergeschlagen saß ich auf dem Boden und drückte Smily an mich, den ich in der kurzen Zeit ebenso in mein Herz geschlossen hatte, wie sein Herrchen. Roland stellte seine gepackte Tasche neben mir auf den Boden und zog mich zu sich nach oben. Draußen hörten wir das Taxi vorfahren, das ihn zum Flughafen bringen würde. Wie eine Ertrinkende klammerte ich mich an ihn. Ich würde lieber ersticken, als seine Lippen loszulassen. Mit sanfter Gewalt löste er meine Hände, die sich um seinen Nacken gelegt hatten und er küsste mir die Tränen von den Wangen.
„Weine nicht Scarlet.“
„Wer weint denn hier? Es ist nur ein Staubkorn in meinem Auge.“
„Du brauchst dich nicht verstellen. Ich verspreche, dass ich mich melden werde. Vielleicht können wir uns wieder sehen?“
Heimlich, versteckt, ohne Zukunft…….
„Ja natürlich. Du weißt wo du mich findest. Pass auf dich auf.“
Ein letzter Kuss und ich sah ihn im Wagen verschwinden. Ein letztes Winken und ich stand alleine auf der Straße vor meinem Haus.
Es war für mich unerträglich, durch die jetzt leeren Räume zu gehen. Überall war Roland. Dort ein Stück Bonbonpapier, dass er vergessen hatte wegzuschmeißen, der Duft seiner Aftershaves im Badezimmer, sein Geruch in meinem Kissen, ein vergessener Pullover neben meinem Computer.
Genau zwei Tage schaffte ich es, nicht in der Verzweiflung zu versinken und mich selbst zu belügen. Nein… es gab kein zurück mehr in mein altes Leben.
Und ich begann, mich auszulöschen.

Nur zwei Wochen nach Rolands Abfahrt stand ich ein letztes Mal in meiner Küche. Auf dem Tisch lagen die Anweisungen für Mathilde, die ich später in das Haus bestellen würde.
Ich nahm die kleine Reisetasche auf und legte den Gurt der Laptoptasche über meine Schulter. Dann zog ich die Tür hinter mir zu und ging langsam einem unbekannten Ziel entgegen.

Epilog:

Als ich Scarlets Haus nach all den Wochen das erste Mal wieder betrat, wusste ich, dass sich etwas verändert hatte. Ihre Stimme am Telefon hatte sich unendlich weit angehört. Jetzt saß ich in dem leeren Haus. Wann hatte sie die Möbel herausgeräumt? Normalerweise bekamen die Nachbar immer alles mit. Nur in der Küche stand noch ein Tisch und davor ihr Lieblingssessel. Doch auf dem Tisch stapelten sich Unmengen von Papier. Sie musste unermüdlich gearbeitet haben.

„Hopeless“ – die Fortsetzung… neugierig überflog ich einige Seiten wahllos und war gefangen. Erst als es dunkel wurde, packte ich alles in den Wagen und fuhr nach Hause. Dort machte ich mir etwas zu Essen und las weiter. Ich wusste nicht, dass Scarlet eine solch sensible Seite hatte. Meine Taschentücher neigten sich dem Ende, als ich die letzten Worte las.

„………es war ein Abschied für die Ewigkeit. Eine Seele, die sich wie ein Nebel langsam auflöste und in der Unendlichkeit verschwand, um dort herumzuirren um irgendwann einen Weg zu finden, das Unentdeckte und Ungelebte zu fühlen und einem neuen Körper Leben zu geben…. Die Körper der beiden Liebenden waren getrennt worden, doch ihre Seelen würden weiter wandern auf der Suche nach dem, was sie im Leben versäumt haben…“

Ein Brief bevollmächtigte mich, alle Verhandlungen mit der Produktionsfirma zu führen, die Scarlets Drehbuch angenommen hatte. Sie hatte es geschafft. Das Geld für ihre Arbeiten ließ sie auf ein neues Konto überweisen.

Die Kurzgeschichten waren gebunden und ich durfte frei über sie verfügen.

„… Mathilde bitte suche mich nicht. Ich versuche ein neues Leben zu beginnen. Meinen Traum zu verwirklichen und in der Nähe meiner Liebe zu bleiben. Ich bitte dich, meine letzten Anweisungen zu verfolgen und wünsche dir alles Gute. Deine Scarlet.“

Ich weiß nicht, wo sie steckt, aber ich weiß, dass sie dort glücklich ist. Denn jeden Monat bekomme ich ein Päckchen, dass neue Geschichten und Gedichte enthält, die von einer Frau geschrieben wurden, die es endlich zugelassen hat, dass sie liebte.
Und ich glaube, Smily hat jetzt eine wunderbare Hundesitterin.
Paparazziaufnahmen sind etwas Wunderbares.