Das Leben (2)

Das Leben (2): Die Helfer schwärmten aus, um die Redner zur Bühne zu bringen. Ich bewegte unter dem Tisch meine schmerzenden Zehen und hielt meine Finger im Schoß, damit ich nicht wieder etwas umstieß.Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter und eine dunkle Stimme sagte: „Mit offenen Haaren sind sie noch geheimnisvoller.“ Ich dreht mich um, um den Unbekannten zu sehen. Aber ich sah nur die Rücken mehrerer Anzugträger vor mir. Drei der Ordner begleiteten einen schlanken Mann zur Bühne. War es einer von ihnen? Und wenn ja welcher?Der kecke da, der so grinste? Oder doch der mit dem kurzen Haarschnitt, der sich so wichtig fühlte? Keiner von denen kam zurück oder würdigte mich eines Blickes. Gut…. dann eben nicht. Trotzdem spürte ich das Klopfen meines Herzens im Hals.Als mich Claudia fragte, was los sei, schüttelte ich den Kopf und lenkte meinen Blick wieder der Bühne zu. Eben wurde der nächste Sprecher angekündigt. Ach ja, der Mann von eben. Mit schnellen, weitausgreifenden Schritten ging er zum Mikro und…ja …er zwinkerte in unsere Richtung. Also wenn ich es nicht besser gewusst hätte, dann hätte ich ja behauptet, dass er mich angesehen hatte. Aber ich kannte ihn weder vom Sehen noch sonst woher, also bildete ich mir das bestimmt ein. Erneut eine kleine Rede, eine Huldigung, ein Film, ein Dank….. 
Ich verlor den Mann aus den Augen.
Eine halbe Stunde später hatte ich es überstanden. Claudia bat mich noch sitzen zu bleiben, bis die Prominenz den Saal in Richtung Fotoshooting verlassen hatte. Also wartete ich auch jetzt geduldig.
Bald konnte ich das Kleid ausziehen, die Schuhe in den Papierkorb schmeißen und mich auf den Heimflug freuen. Es war ein wundervolles Ereignis gewesen.
Doch!!! Trotz der Peinlichkeiten und Strapazen musste ich mir eingestehen, dass dieser Abend so schnell nicht aus meiner Erinnerung verschwinden würde. Fast als Letzte verließen wir den Saal und als ich mich in Richtung der Aufzüge wandte, hielt mich Claudia zurück.
„Wohin wollen sie?“
„Ins Bett?“
„Aber der Abend beginnt doch jetzt erst!“ Vergeblich versuchte ich ihr klar zu machen, dass Party und Feiern nun wirklich nichts für mich waren.
Sie duldete keinen Widerspruch. Mit zusammengekniffenen Lippen folgte ich ihr und beschloss, sie so schnell wie möglich loszuwerden und mich zu verkrümeln.

Ersteres war schnell getan. Claudia verschwand schneller zwischen den Stars, als die berühmte Nadel im Heuhaufen. Einem sehr großen Heuhaufen. Nur ich konnte mich nicht verschwinden lassen. Sie hatte dem Kamerateam den Auftrag gegeben, mich nicht aus den Augen zu lassen. So im Mittelpunkt wurden einige Umstehende auf mich aufmerksam und zogen mich in ihre Gespräche. Es folgte oberflächliches Geplänkel. Und meistens hatte ich nicht den geringsten Schimmer, mit wem ich sprach. Einmal hätte ich schwören können, dass ich Cpt. Kirk gesehen habe. Wie hieß der denn gleich…. er stand auch auf der Bühne… aber bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, sprach mich der Nächste an. Lächeln….unpersönliche Sachen sagen….lächeln… autsch meine Füße…ich musste hier weg… höfflich murmelte ich eine Entschuldigung, fragte meine Aufpasser, ob sie auch eine Genehmigung für das bewusste Örtchen hätten und mit einem triumphierenden Blick in die leicht geröteten Gesichter verschwand ich in die richtige Richtung. Als ich sie aus den Augen verloren hatte, versuchte ich mich langsam vorwärts zu kämpfen. Ziel: Bett!!

Die Treppe, dann noch durch einen Gang, den Raum mit den älteren Herrschaften an den Tischen und ich hatte es geschafft. Denkste!! Ein Ellenbogen traf mich in der Seite, ich stolperte, fiel zwei Stufen abwärts, bevor mich ein Rücken bremste.
„Holla junge Frau. Ich wusste ja gar nicht, dass die Frauen noch so auf mich fliegen!“
Shatner…genau….jetzt fiel es mir wieder ein.
„Sorry…das ist mir aber peinlich. Bitte entschuldigen sie!“ stammelte ich vor mich hin, während er meinen Arm hielt und ich um mein Gleichgewicht kämpfte, das irgendwie abhanden gekommen war. Die Ursache fand sich schnell. Mein Absatz war während des Sturzes abgebrochen. Hilflos stand ich am Geländer, das abgebrochene Stück in der Hand und hätte in Tränen ausbrechen können.
Shatner hatte seine Pflicht erfüllt, die Dame vor dem Sturz gerettet und war verschwunden. Langsam humpelte ich die Stufen herunter, darauf bedacht, nicht gleich wieder zu stürzen. Was konnte denn noch passieren? Es waren doch nur 300 Meter bis zu meiner Tür. Ich spürte, wie sich mein Blick verschleierte. Nein…nicht das auch noch. Die Tränen hatten ja wohl Zeit bis später.
Verstohlen wischte ich an meinem Auge.
„He wer wird denn diesen schönen Augen den Glanz nehmen? Kommen sie, ich helfe ihnen.“ Eine Hand nahm die meine und legte sie auf einen festen Arm, der sich dicht neben mich schob. Ich sah auf und erkannte den jungen Mann, der auf der Bühne gezwinkert hatte.
„Danke!“ Er half mir die Treppe hinunter und brachte mich zu einer Bank, wo ich mich setzen konnte.
„Sieht so aus, als würden sie neue Schuhe brauchen!“ er setzte sich und deutete auf meine defekte Sandale.
„Ja, die ist hinüber. Was ein Grund wäre, sie endlich ausziehen zu können.“
„Nicht ganz einfach auf so etwas zu laufen oder?“ Er nahm mir den Absatz aus der Hand und drehte ihn zwischen den Fingern.
„So solo sieht das fast wie eine Waffe aus.“
Ich musste grinsen.
„Sehen sie, so sieht die Welt doch viel besser aus.“
„Noch besser wäre sie, wenn ich endlich in meinem Zimmer wäre.“ Entfuhr mir ein kleiner Seufzer.
„Sie wollen jetzt schon gehen? Wo ich sie so lange gesucht habe?“
„Sie haben mich gesucht?“
„Was eigentlich einfach sein sollte, denn sie haben hier die schönste Haarmähne. Aber sie haben sich geschickt versteckt gehalten.“
„Tut mir leid, wenn sie den Abend nicht genießen können. Suchen sie sich doch ein neues Opfer, dass leichter zu finden ist. In meiner Nähe ist es eh viel zu gefährlich.“ Das kam viel heftiger rüber, als es gemeint war. Ich merkte an dem Schatten, der kurz sein Gesicht verdunkelte, dass es ihn getroffen hatte.
„Es tut mir leid.“ Ich griff nach dem Absatz und wollte gehen. Aber er hielt ihn fest.
„Sie machen mich unheimlich neugierig. Wer sind sie?“ Er musterte mich mit seinen braunen Augen.
„Ich bin nur durch Zufall hier.“ Knapp schilderte ich ihm, wie ich hierher gekommen bin.
Er lachte. „Das nenn ich doch mal Glück.“
„Glück? Ich bin mir nicht sicher, ob das Glück ist.“ Jeglicher Zynismus lag mir fern.
„Glück für mich. Trotzdem weiß ich noch immer nicht, wer sie sind? Wie heißen sie?“
„Scarlett.“
„Dann bin ich Rhett?“
„Ha, ha…. über den Witz kann ich nicht mehr lachen.“
„Schon gut. Ich weiß, über Namen sollte man sich nicht lustig machen. Möchten sie etwas trinken? Kann ich ihnen mit irgendwas eine Freude machen Scarlett?“
Wie er meinen Namen aussprach. Es lief mir kalt den Rücken runter.
„Ich möchte ihnen den Abend wirklich nicht verderben. Sie haben sicher Freunde, die sie noch treffen möchten. Wenn sie mich noch zu den Aufzügen bringen würden?“
„Schade. Wirklich schade. Ich hatte gehofft, dass sie mir einige meiner Fragen beantworten können.“
Das Lächeln war einfach entwaffnend.
„Sie haben Fragen an mich?“ Ungläubig sah ich ihn an. Wie er ständig an seinem Jackett nestelte, zeigt mir, dass auch für ihn die Situation nicht normal war.
„Suchen wir uns einen anderen Platz? Wo wir reden können?“
Ich fand zwar, dass wir auch hier sehr gut reden konnten, aber wir saßen in unmittelbarer Nähe der Treppe und meine Aufpasser müssten mitbekommen haben, dass ich nicht wieder aufgetaucht war und sie getäuscht hatte. Hier würden sie mich zu schnell wieder finden.
„Aber nur für ein paar Minuten. Ich will ja nicht daran Schuld sei, dass sie ihren Seelenfrieden nicht finden können.“
Er lachte laut auf und zog mich auf die Füße.
Als wäre es das Normalste auf der Welt, legte er seinen Arm um mich und kaschierte so mein unbeholfenes Humpeln. Wir stiegen wieder die Treppe hinauf, mussten mehrmals anhalten, weil er angesprochen wurde und ich fing mir sehr neugierige Blicke ein. Aber sein Arm blieb an Ort und Stelle. In einem nostalgisch mit großen Samtvorhängen ausgestalteten Raum führte er mich zu einem Tisch, an dem bereits mehrere Herrschaften saßen. Auch hier die üblichen Begrüßungen für ihn, die Blicke für mich. Er reichte mir lächelnd ein Glas Wein und ich prostete allen zu.
Er übernahm eine kurze Vorstellung und als Schriftstellerin war ich wohl gut genug, dass ich in die Runde einbezogen werden konnte. Eine Lady hatte sogar meinen letzten Roman gelesen und wir redeten kurz über den Hauptcharakter. Dabei bemerkte ich, dass mein Begleiter mich nicht aus den Augen ließ. Obwohl auch er sein Gespräch sehr angeregt führte, begegneten sich unsere Blicke mehrmals.
Neuankömmlinge im Raum lenkten die Aufmerksamkeit von uns ab und ich drehte mich ein wenig zu ihn.
„Und nun zu ihren Fragen.“
„Sie werden lachen!“
„Das lassen sie meine Entscheidung sein.“
„Es ist eine sehr unschickliche Frage!“
„Wenn sie sie nicht fragen, habe ich keine Gelegenheit entsetzt zu sein und ihnen den Wein ins Gesicht zu schütten.“
„Das würden sie wagen?“
„Lassen sie es darauf ankommen. Ich habe das Gedeck ruiniert, meinen Absatz in eine Mordwaffe verwandelt…“
„Ok…“ er hob die Hände. „Sie haben gewonnen…sie würden es tun.“
„Die Frage!“
„Sie haben keinen BH unter…das habe ich geprüft. Trotzdem sieht es so aus, als würden sie einen tragen. Wie geht das?“
Seine Hand hatte sich während der Frage auf die meine gelegt.
Ich sah stirnrunzelnd, wie meine Finger unter den seinen verschwanden.
„Nur zur Sicherheit.“ Fügte er schnell hinzu.
Langsam sickerte mir der Inhalt seiner Frage durch die Gehirnwindungen.
Und ich musste lachen. Laut auflachen…. jetzt drehten sich wirklich alle zu uns.
„Kein Wein?“
Er legte ebenfalls lachend den Kopf schief und kniff ein Auge zu.
„Moment…das muss ich erst verdauen. Was heißt geprüft?“ Ich verengte beide Augen zu kleinen Schlitzen.
Verlegen zuckte er die Schultern und wurde wieder ernster.
Nach einem kurzen Räuspern gab er zu, während der Gespräche mehrmals mit der Hand über meinen Rücken und die Schultern gestrichen zu haben.
„Aha und ich dachte schon, ich wäre so gefühllos, dass ich gewisse Berührungen nicht bemerkt hätte.“ Atmete ich auf.
„Gefühllos? Kann ich mir nicht vorstellen. Antwort?“
„Sie wollen wirklich eine Antwort?“
Er nickte. Ernst.
„Ich glaub das nicht.“ Flüsterte ich und versuchte wieder den Verstecktrick mit den Haaren.
Es funktionierte nicht. Er strich die Strähne einfach hinter mein Ohr. Gott hatte er warme Finger. Die Stelle, die er berührt hatte, schien Feuer gefangen zu haben und eine undefinierbare Hitze breitete sich von ihr aus.
„Was glauben sie nicht Scarlett?“
„Dass ich hier sitze und mit ihnen ein Gespräch über Unterwäsche anfange.“
„Also bekomme ich eine Antwort?“
„Sie haben Recht. Ich trage keinen BH der üblichen Sorte.“
„Das hab ich mir gedacht. Weiter?“
Ich zog meine, noch immer gefangene Hand hervor und griff nach dem Glas.
„Jetzt kommt die Stelle mit dem Wein in meinem Gesicht?“
Statt einer Antwort trank ich das Glas in großen Schlucken leer. Ich hatte das Gefühl, als wollte sich meine Kehle zuschnüren und die Worte nicht herauskommen. Was tat ich hier? Warum beendete ich das nicht?
„Sie werden abgeklebt.“
„Was werden die?“
Sein Blick klebte auf meinen Brüsten. Die hoben und senkten sich schneller als sonst. Ich spürte, wie sich meine Brustwarzen am Stoff rieben und verhärteten. DAS konnte man sehen. Schnell verschränkte ich meine Arme schützend vor der Brust. Zu spät.
„Es gibt so eine Art Haftschalen, die darunter geklebt werden. Reicht diese Auskunft?“
„Und das tut nicht weh?“
Anscheinend war sein Wissensdurst noch nicht gedeckt.
„Es juckt, ich vertrage den Gummi nicht besonders gut. Das wird wohl auch der Grund sein, warum die meisten der Damen hier darauf verzichten.“
„Und kratzen geht jetzt schlecht oder?“
„Würde merkwürdig aussehen denke ich. Können wir das Gespräch jetzt beenden?“ Peinlich…peinlich….
„Schade…. denn ich hätte noch eine Frage.“
„Was bitte haben sie denn noch alles ausgekundschaftet?“ Schnell versuchte ich mich daran zu erinnern, wo ich seine Hände überall gespürt hatte. Doch…ja da war er auch… Jetzt erwachte doch der Drang in mir, ihm etwas Flüssiges ins Gesicht zu schütten. Zu seinem Glück war das Glas leer.
„Also darüber weiß ich, denke ich, Bescheid.“ Wieder das entwaffnende Lächeln.
„Sie wissen aber, dass sie unmöglich sind!“
„Nicht unmöglich. Nur berauscht von ihnen.“
„Niemand kann von mir berauscht sein. Sie sollten weniger trinken.“
„Sie dafür umso mehr.“ Leichtsinnigerweise füllte er mein Glas nach.
Noch mehr trinken? Ich fühlte mich jetzt schon beschwipst.
„Welche unmöglichen Fragen liegen ihnen denn noch auf dem Herzen?“
„Nein…ich will sie nicht noch mehr in Verlegenheit bringen. Ich würde gern mit ihnen tanzen.“
Ich winkte mit dem Absatz. „Das ist leider nicht mehr möglich.“
„Also ich glaube, ich kenne da einen Trick, der sehr gut funktioniert.“
Und bevor ich es verhindern konnte, hatte er auch meinen zweiten Absatz abgebrochen.
„So wird es zumindest immer in den Filmen gemacht. Und Scarlett? Wie geht es jetzt?“
Ich wippte einmal zur Probe.
„Es geht wirklich besser. Ich muss zwar etwas auf den Zehen gehen, aber die Humpelei fällt dafür aus.“
„Ein kleines Danke?“
„Danke.“
„Ein Tanz?“
„Was wollen sie dabei erforschen?“
„Das erzähl ich ihnen hinterher, wenn ich es gefunden habe.“
„Sie sind ein unmöglicher Mensch.“ Erwiderte ich und legte meine Hand in die seine, die er mir auffordernd entgegenstreckte.
„Das haben mir schon viele gesagt. Finde neue Schimpfwörter Scarlett.“

Auf der Tanzfläche bemerkte ich, dass ich nicht als Einzige das Schuhproblem hatte. Zwei weitere Damen hatte ihre sogar ausgezogen. Als erstes fiel mir hier auf, dass es keine Kameras gab. Er erklärte mir, dass bei diesen Events bestimmte Räume für die Presse geschlossen seien. Denn gerade beim Tanzen würde man sich nahe kommen und die Klatschpresse würde aus jedem wirklich unverfänglichen Tanz einen riesigen Skandal machen. Das leuchtete mir ein. Allerdings hatte er eine merkwürdige Vorstellung von harmlosen Tänzen. Zwischen unseren Körper hätte nicht einmal eine Frischhaltefolie mehr herabfallen können, so eng tanzte er mit mir. Er war ein guter Tänzer. Doch…das musste ich anerkennen. Und er nahm Rücksicht auf mein Handicap. Keine übertriebenen Schwünge und Drehungen. Vorsichtig sah ich mich um. Keiner beachtete uns. Alle schienen mit sich selbst beschäftigt. War es wirklich so normal, dass sich jemand von ihnen mit einer Unbekannten zeigte? Ich hatte keine Ahnung, wie sich die Oberschicht bewegte, wenn sie unter sich war. Zwar schrieb ich in meinen Romanen über sie, doch da waren sie überirdische Wesen, voller Geduld, Verständnis, ohne Sorgen…eben keinen richtigen Menschen.
„Worüber denken sie nach?“ Er senkte seinen Kopf und ich spürte seinen Atem unter meinen Ohr entlang streichen.
„Ich denke nicht!“
„Dann runzeln sie nicht die Stirn. Entspannen sie sich. Ihre Muskeln sind vollkommen verspannt.“ Seine Finger strichen an meinen Wirbeln entlang.
„Auf der Suche nach meiner Unterwäsche?“ hauchte ich in sein Ohr.
„Da ist nicht viel, was ich finden konnte.“ Flüsterte er ebenso leise zurück.
„Das ist richtig. Bei diesen Kleidern ist weniger auf jeden Fall immer mehr.“
„Schön das zu wissen.“ Die Hand hatte sich nach oben getastet und blieb unter meinem Haar auf dem Nacken liegen. Leicht bewegte er die Finger.
„Das ist angenehm.“ Das war nicht gelogen. Wie unter Hypnose schlossen sich meine Augen und die Gedanken nahmen Wege, die ich nicht kontrollieren konnte. Ich begann den Körper vor mir zu registrieren. Die Wärme, die von ihm ausging. Unter meinen Fingern waren feste Muskeln zu spüren. Meine Brüste rieben an seinem Hemd. Der Stoff, der mich von ihm trennte, war dünn genug, um die empfindlichen Brustwarzen das Muster darauf spüren zu lassen. Vergessen war die anstrengende Woche, der peinliche Auftritt bei der Verleihung, Claudia, das Kamerateam. Es gab in meiner Seifenblase nur ihn und mich.
Aber wie bei jeder schillernden Seifenblase platze auch diese, wenn sie am Schönsten war.
„Ich habe sie überall gesucht. Wir müssen noch eine Abschlussaufnahme machen. Die Jungs wollen endlich den Abend genießen. Kommen sie Mrs. Dounell.“
Peng…. Claudia!!
Vorbei der Traum. Willkommen Wirklichkeit. Benommen kam ich wieder zu mir.
„Zwei Minuten?“
Claudia musterte uns neugierig, verschwand aber so weit, dass sie außer Hörweite war, aber mich trotzdem nicht aus den Augen verlor.
„Die Pflicht ruft.“ Entschuldigte ich mich.
„Scarlett?…“ bevor er seinen Satz beenden konnte, verabschiedete ich mich mit einem Druck auf seinen Arm und ging zu Claudia, die mich aus dem Raum schob. In der Tür drehte ich mich kurz um und sah ihn noch immer da stehen, wo ich ihn verlassen hatte.
Claudia erklärte mir kurz, was erwartet wurde und ich bewegte mich, begleitet von den Kameras, durch die Räume. Verabschiedete mich von Menschen, die ich nicht kannte, ließ mich umarmen, Kirk gab mir einen Kuss auf die Wange. Mit einem glücklichen Lächeln stand ich im Aufzug und sah in die Kamera, beantwortete die Fragen von Claudia, wie sie es erwartete und ließ mehrmals die Tür zum Zimmer ins Schloss fallen, bis es ein gelungener Abschluss war.
Dann war es vorbei. Ich sah in den großen Spiegel neben der Tür. Morgen Mittag würde ich wieder im Flieger sitzen und dann einige Stunden später wieder mein Gefängnis betreten, um den anderen, in ihren Träumen gefangenen Frauen, von einer Welt zu berichten, die sie nie erleben werden. Werde für sie Welten erfinden, die sie für kurze Zeit aus dem Alltag entführen. Was aber hatte ich für mich?
Nachdenklich durchschritt ich den Raum und blieb vor dem Bett stehen. Ich öffnete die Schnallen meiner Schuhe und warf sie in den Papierkorb.
Als es an der Tür klopfte, verdrehte ich die Augen
Claudia….
„Was ist denn? Was haben wir vergessen?“
„Das hier!“
Warme, weiche Lippen legten sich auf die meinen und ein großer Körper schob mich zurück ins Zimmer.
Also das war nicht Claudia.
Fragend sah ich in die braunen Augen.
„Ich bin neugierig.“
„Die Haftschalen?“
„Ich könnte beim Kratzen helfen.“
„Was, wenn ich etwas dagegen habe?“
„Dann schick mich weg. Ein Wort und ich gehe.“
Er meinte es ernst. Aber wollte ich das? Ich wusste, dass ich ihn nie wieder sehen würde. Dass es nur für eine Nacht, eine Stunde, einen Moment sein würde. Ein Moment, von dem ich lange zehren könnte. Er zog mich an sich und seine Lippen strichen über meinen Hals.
Dicht neben meinem Ohr löste er sie von meiner Haut.
„Du zögerst zu lange.“
„Ja.“
Ich neigte den Kopf zur Seite und suchte seine Lippen. Es war ein versprechender, langer Kuss. So musste es sein. Das war es, was ich beschrieb.
Ich schob ihm die Jacke von den Schultern und berührte ihn zum ersten Mal an diesem Abend.
Leise nahm ich das Geräusch des Reißverschlusses war, als er mein Kleid öffnete.
Kühle umfächelt meine Haut, nur um gleich darauf unter seinen Fingern wieder zu verbrennen.
Langsam zog er den weichen Stoff über meine Schultern und ich zog meine Arme aus den Ärmeln. Achtlos fiel der Stoff herab und wurde vom Gürtel aufgefangen.
Entsetzen zeigte sich auf seinem Gesicht, als er meinen geröteten Busen sah. Ich riss die Haftschalen von der Haut und atmete befreit auf.
„Das ist verrückt. Aber du hattest auf jeden Fall das schönste Décollete an diesem Abend.“
Er kniete vor mir nieder und strich mit den Lippen über die entzündeten Stellen.
„Tut es weh?“ fragte er, als ich zurückzuckte.
„Nein.“
Mein Rückzug war nur ein Erschrecken auf die Reaktion meines Körpers auf seine Berührungen. Ich hatte lange keinen Mann mehr bei mir gehabt. Umso heftiger waren die Empfindungen, die er in mir auslöste. Meine Hände gruben sich in seine Haare, während die seinen einen Weg unter die zahlreichen Stoffbahnen fanden.
Mein Denken setzte erst wieder kurz ein, als er neben mir lag und eine kühlende Creme auf meinen Busen auftrug.
Ich musterte ihn. Perfekt. Das war es, was mir als erstes einfiel. Er war einfach perfekt. Wie aus einem meiner Romane entstiegen, um mir kurzfristig Gesellschaft zu leisten. Ich fuhr mit den Fingern seine Haut entlang.
„Warum ich?“ fragte ich.
„Warum du nicht?“
Es war nicht möglich, von diesem Mann eine sinnvolle Antwort zu bekommen.

„… eine Frau. Schön, geheimnisvoll, sinnlich, wie von der Leinwand eines Künstlers gestiegen, um für eine Nacht Gestalt anzunehmen und so die Freuden der Liebe selbst erfahren zu können.“
Seine Finger folgten der Linie meiner Halses, strichen über die sanften Hügel meiner Brüste hinunter über den flachen Bauch. Tauchten ein in das Geheimnisvolle und begannen wohlige Schauer über meinen Körper zu jagen.
Leicht knabberte er an meinen Ohrläppchen.
Ich neigte meinen Kopf, um ihm in die Augen sehen zu können.
„Für Rhett und Scarlett gab es keine gemeinsame Zukunft.“
„Das ist richtig. Trotzdem war jeder auf seine Art glücklich und erreichte seine Ziele.“
Damit waren alle Fragen geklärt. Was folgte war eine wunderbare Nacht, die nicht von Liebe erfüllt war. Nein, es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, ich hätte mich in ihn verliebt. Das gab es wirklich nur in meinen Romanen. Aber wir spürten die Nähe des anderen und er gab mir mehr von sich, als er vielleicht ahnte.

„…. und als er sie verließ, sah er sie mit einem sehnsuchtvollen Blick an. „Leb wohl. Das Leben geht viele verschlungene Wege und manchmal kreuzen sie sich mehrmals.“
Ich hob meinen Blick und legte das Manuskript beiseite.
„Mrs. Dounell, stimmt es, dass sie bereits an einer Fortsetzung arbeiten?“ kam eine Frage von meinen Zuhörern. Ich sah zu Mathilda. Kurz vor der Lesung hatte sie mir ein Päckchen übergeben. Darin lagen zwei Absätze, die perfekt zu den defekten Schuhen passten, die in einer Vitrine neben meinem Schreibtisch standen. Dazu ein Zettel…. „Lass uns wieder tanzen Scarlett. Rhett.“
„Ja, eine Fortsetzung ist in Arbeit.“ Antwortete ich lächelnd. Irgendwo dort draußen wartete er auf mich.
Die Wege begannen sich erneut zu kreuzen.