Betriebsfeier (6)- Sternennacht

Sie sah seinen erstaunten Ausdruck, und das brachte das nächste Lachen zum Vorschein. Glockenhell klang ihre Stimme durch die Nacht, untermalt vom weit entfernten Gemurmel der Partygäste.
Lachen sie mich an oder aus?“ Fragte er leicht indigniert. Und schon sah sie es wieder blitzen in seinen Augen. Noch vor einem Augenblick war Sorge in seinem Blick, und nun, eine Sekunde später funkelte Angriffslust in ihnen. Oh weh, was nun? Am besten, wie nannte ihr Mann es immer? Vorneverteidigung, richtig. 
Sein sie mir nicht böse, aber ihr Oberkörper“ Kicherte sie“ sieht aus, als hätten sie ne Tonne verschluckt“
Peng, das hatte gesessen, sie sah deutlich, wie sich etwas in seinem Blick verfinsterte. Die Angriffslust war wie fortgeblasen, und machte nun reiner, klarer Enttäuschung Platz. Was hatte sie nun wieder gesagt? Doch nur die Wahrheit!


Schade“ Sagte er enttäuscht „Ich habe sie doch wohl falsch eingeschätzt“ Wie meinen sie das?“ Fragte sie leicht irritiert.


Na gut, ich denke, der Karren steckt eh im Dreck. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ich spielte mal ein Spiel, es hieß: 2 B Serious… egal. Also. Als ich sie vorhin das erste Mal sah, hatte ich den Eindruck, sie wären eine netznahtstrumpfbewehrte Haushaltsziege, die das Glück hatte, einen reichen, wichtigen Mann zu heiraten.“
Dass schlug dem Fass ja wohl den Boden ins Gesicht! Was bildete sich dieser Penner eigentlich ein? Empört hielt sie die Luft an, als er fortfuhr.
Danach dachte ich, sie wären eine blasierte Ehestute, die sich im scheinbaren Ruhm ihres Mannes sonnt. Aber vor ein paar Augenblicken dachte ich wirklich darüber nach und kam zu dem Schluss, dass ich sie möglicherweise falsch eingeschätzt habe. Es ist offensichtlich so, dass es Menschen gibt, die von Anfang an inkompatibel sind, aber das befreit sie nicht davon, die Regeln des Anstandes und der Höflichkeit außer Acht zu lassen. Leider habe ich mich auf dieses dumme Spiel eingelassen und kann mir den Schuh ebenso anziehen, wie sie. Für meinen Körper kann ich nichts, ich bin halt so. Aber ein unverzeihlicher Fehler ist, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Ich beende hiermit die Kommunikation. Es war zwar kein Vergnügen, sie kennen gelernt zu haben, aber es war lehrreich, danke dafür und auf Wiedersehen.“
Das war ne Ansprache, oh weh. Und das schlimmste war, er hatte Recht. Sie waren beide vom ersten Augenblick in eine Schiene gerutscht, die in eine Sackgasse führte. Und keiner hatte es bemerkt, er ebenso wenig wie sie. Nun war die Situation festgefahren. Als er seine Hand löste, um zu gehen, schrie sie innerlich auf. Nein! Bleib hier du Blödmann, du kannst hier keine Reden schwingen und dann ohne eine Antwort zu bekommen, verschwinden!
Doch dann glitt ihre Hand aus seiner und ein Gefühl des Verlustes breitete sich in ihr aus. Der körperliche Kontakt war nicht mehr da, was würde folgen? Klar, er würde gehen und dann?
Ich bin nicht blasiert“ Sagte sie leise, als er sich schon umwandte, um zu gehen.
Wie bitte?“ Er drehte sich noch einmal zurück und sah sie erstaunt an.
Ich sagte, ich bin nicht blasiert“
Aber eine Stute?“ Lachte er „Nein, sie sind keine Stute, also, auf Wiedersehen.“ Und erneut wandte er sich um.
Feigling“ Warf sie ihm hinterher, reine Provokation. Doch der Mann, der Kurt hieß und eigentlich gar nicht schlecht aussah wedelte im Gehen nur jovial mit einer Hand und verschwand im inneren des Schlosses.
Jihad“ Murmelte sie still vor sich hin. „Jihad, der heilige Krieg“ War sie so? Oder sah nur er sie so? Oder hatte er gar Recht? Hatte dieser absolut unsympathische Mann ihr auf den Grund der Seele gesehen? Wälzte sie nicht tatsächlich ihre Aggressionen, die sie ihrem Mann zu verdanken hatte, auf ihn ab? Entsprach er nicht eigentlich völlig ihrem ästhetischen Empfinden? Klar, er sah gut aus. So wie sie sich einen Mann immer vorgestellt hatte. Groß, breit, markant und männlich. Das alles trug er in sich, aber warum zum Kuckuck mochte sie ihn nicht? War es vielleicht die Tatsache, das er ihr gefährlich werden könnte? Dass sie für so einen Mann ihr Leben auf den Kopf stellen könnte? Alles aufgeben, um neu und aufregend zu beginnen? War das so? In einem Augenblick absoluter Ehrlichkeit sich selbst gegenüber musste sie sich eingestehen, das es so war. Versonnen sah sie ihm nach. Wieder verloren…

Sicher, er spürte ihre Blicke in seinem Rücken, als er wieder hineinging. Aber es war ein nutzloses Unterfangen, mit der Frau war kein verhandeln. Außerdem hatte sie es gleich von Beginn an falsch gemacht, und das war kaum noch korrigierbar. 
Aber war es nicht verrückt? Diese unmögliche Person ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Weniger ihr atemberaubender Körper oder ihre faszinierenden Augen, es war mehr der Kampf. Der Kampf dem sie weder auswich, noch sich unterkriegen ließ. Und ihre Sturheit, und ihre Vorurteile. Ihre Befangenheit und ihre spitze Zunge. Irgend etwas hatte diese Frau, das ihn dennoch anzog. Und dafür verfluchte er sich, denn mit solchen Frauen kam er meistens nur sehr schwer zurecht. Aber vielleicht war es genau das, was er zur Zeit brauchte? Widerstand. Kampf. Aber kämpfen lohnt nur, wenn der Preis stimmt. Und sie war verheiratet. Und er auch, also? Den Kampf aufnehmen oder sich nächtelang ärgern über verpasste Gelegenheiten? Zu verlieren hatte er nichts, denn er lebte seit 15 Monaten von seiner dritten Frau getrennt. Trennung nach 7 Monaten Ehe, das war Rekord.
Er schlenderte in Gedanken versunken zum Buffett. Hunger hatte er eigentlich nicht, aber dennoch nahm er sich einen Teller und probierte diverse Häppchen. Als er an den Shrimps in Dillsauce ankam, musst er leicht lächeln. Dieses Biest, sie ging ihm einfach nicht aus dem Kopf! Dann sah er einen leicht gebräunten Arm, der sich anschickte, etwas vom Buffett zu nehmen. Doch anstatt sich einen Teller zu nehmen, tauchte die Person einen Finger unverschämterweise direkt in die Dillsauce. Ohne hinzusehen wusste er genau, wer das war und sein Lächeln verstärkte sich abermals. Mit einem Tupfen Dillsauce am Finger wurde die Hand zurück gezogen. Und erstaunt registrierte er, dass sich dieser elegante, schlanke Finger direkt auf sein Gesicht zu bewegte!
Kosten sie mal, schmeckt köstlich“ Sagte die ihm nun schon fast vertraute Stimme, die so wunderbar rauchig und verrucht klang. Ihr Finger mit den Perlweiß lackierten Nägeln schwebte nun direkt vor seinem Mund, den er ohne zögern leicht öffnete. Aufreizend langsam schob sich ihr Finger zwischen seine Lippen, die Sauce schmeckte plötzlich gar nicht mehr so fad wie zuvor. Er beschloss, mitzuspielen, und schloss seine Lippen um ihren Finger. Mit seiner Zungenspitze schleckte er die Sauce ab, setzte sie dann vor den Finger, um ihn aus seinem Mund zu schieben. Anschließend fuhr er sich absichtlich langsam über die Lippen.
Sie haben Recht, schmeckt gut. Besser als vorhin jedenfalls“
Man muss immer zweimal probieren, bevor man ein endgültiges Urteil abgibt, meinen sie nicht?“
Gilt das nur für mich, oder für alle Menschen?“ Fragte er.
Es gilt für alle. Ein universelles Gesetz von Jihad“ Jetzt lächelte er sie an. Und es war kein Zorn in seinem Blick, keine Wut oder Härte. Sein Blick war nun warm und zugleich neugierig, und ein altes Sprichwort fiel ihm ein, das er irgendwo einmal gehört hatte.
Mach die Tür zum Käfig niemals ganz zu, denn es könnte sein, dass der Vogel zurück kehrt“
Wie wahr. Er griff nach ihrer Hand, drehte sie ein wenig und küsste sie in die Handinnenfläche. Ganz kurz nur, dann ließ er sie wieder sinken, aber ließ sie nicht los. Zu schön, ihre warme Hand zu halten. Diese plötzliche und unerwartete Wende, ihre kribbelnde Nähe, all das ließ ihn lächeln. Und auch sie lächelte. Ohne Arroganz oder die geringste Spur von Blasiertheit. Einfach nur ein warmes Lächeln. Unerwartet war das. Was nun? 
Hören sie“ dabei verstärkte sich abermals sein Lächeln „Jihad. Wohin wird uns das alles führen?“ 
Wer weiß? Lassen wir alles auf uns zukommen. Ich will nicht mehr voreingenommen sein, sondern nur noch neugierig. So neugierig und unbefangen, wie ich als kleines Mädchen war“
In Ordnung. Mir geht es genauso. Ich könnte mich in den Hintern treten für meine, na ja, sie , du? Weißt schon.“
Kurt, hmm?“ Er lächelte sie an. Wieder sein Name, verflixt was war daran so komisch?
Ja, Kurt“
Du hast ein Problem, Kurt“
So, welches denn?“
Du warst nie ein kleines Mädchen“ Sagte sie und prustete im gleichen Moment los. Ihr glockenhelles Lachen schallte durch den ganzen Raum, aber nur die Gäste in näheren Bereich sahen kurz herüber. Dann wandten sie sich ihrer ursprünglichen Beschäftigung zu. Konversation. Nichtssagendes hirnloses Gequassel über nichtssagende Themen. Nur um sich keine Blöße zu geben im Haifischbecken der Großindustriellen.
Sie hatte seinen Blick sehr wohl bemerkt.
Wollen wir uns nicht ein ruhigeres Plätzchen suchen? Diese gestelzte Gesellschaft hier nimmt mir die Luft“ Presste er heraus, und es war ihm deutlich anzusehen, dass er sich hier nicht wohl fühlte. Aber er rannte bei ihr offene Türen ein, denn auch sie fühlte sich unbehaglich.
Sie nickte nur, immer noch lächelnd über ihren gelungenen Witz. Er sah sich im Saal um, konnte aber nirgends einen Ort finden, wo es etwas ruhiger zuging. Und auf die Toiletten konnten sie wohl kaum verschwinden.
Schulterzuckend wandte er sich zu ihr.
Wohin nur?“ Lachte er.
Zurück auf den Balkon, da wars nicht schlecht. Oder?“
Als sie gemeinsam in Richtung Balkon gingen, wurde ihm bewusst, dass er immer noch ihre Hand hielt. Sanft zog er sich zurück und sie sah ihn erstaunt an.
Angst? Ist deine Frau auch hier?“ Fragte sie leise lächelnd.
Nein, aber dein Mann“ Antwortete er ernst. Er wollte sie nicht in der Öffentlichkeit düpieren, und ihren Gatten ebenso wenig. Nun, jedenfalls nicht so offensichtlich, denn er konnte sich wenig vorstellen, dass ihr Zwist und ihre darauf folgende Versöhnung unbemerkt geblieben waren.
Die warme nächtliche Luft empfand er wie ein Wattepaket, das ihn sanft umgab. Kein Lüftchen regte sich, die Natur schien den Atem gespannt anzuhalten. Und auch Kurt hatte eine seltsame Ruhe erfasst. Es war wie das Auge eines Orkans. Rings um ihn herum tobten die Elemente der Emotionen, aber innerlich war er gelassen und entspannt. Was sollte noch groß passieren? Pubertierendes Geknutsche auf dem Balkon? Nein, sicher nicht. Beichten unterm Mistelzweig auch nicht und jugendliches Gebaren unter Erwachsenen schon gar nicht. Es würde wohl einfach nur ein Gespräch stattfinden. Ob sie wohl nach seiner Hand…?

Sie fröstelte. Es lag nicht so sehr an der Luft, oder den Temperaturen. Nein, im Gegenteil es war angenehm warm und windstill. Sie fürchtete sich ein wenig. Was würde nun werden? Musste sie sich einem hochnotpeinlichen Verhör unterziehen oder war er ein eher angenehmer Gesprächspartner? Andererseits war nun ihre Neugier erwacht, sie hatte viele Fragen an ihn.
Auf dem Weg zur Brüstung registrierte sie zu ihrem eigenen Erstaunen, dass ihre Hand nach seiner tastete. Und als ob er nur darauf gewartet hatte, schlangen sich seine kräftigen Finger um ihre. Überrascht von der ungewollten Nähe, die sich zwischen beiden so plötzlich aufgebaut hatte, bleib sie vor der steinernen Brüstung stehen und sah in den Sternenklaren Himmel. Er tat es ihr nach und seufzte, woraufhin sie ich fragend ansah.