Betriebsfeier (5)

Er dachte einen Moment lang nach, sah ihr dabei in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick. Nicht nachgeben jetzt. Keine Blöße offenbaren. Zeig Stärke, Willenskraft! Unbeugsamkeit! „Jihad“ Sagte er nur und verblüffte sie wiederum. „Jihad? Der heilige Krieg?“„Ja, Jihad. Der heilige Krieg der einsamen Frau gegen den einsamen Mann, den sie nicht leiden kann. „Das reimt sich sogar“ Hörte sie sich selbst sagen und verfluchte sich erneut. Wollte sie dem aufgeblasenen Furz nicht gerade erst zeigen, was eine Harke war? Doch er lächelte nur. Entwaffnend war sein Lächeln. Und sie fragte sich, warum sie ihn nicht leiden mochte. Er sah ja gar nicht schlecht aus. Dumm war er wider erwarten auch nicht. Und wenn er wirklich nicht die ganze zeit über die Luft anhielt, dann war dieser voluminöse Brustkasten gar echt? Oder doch nur mit Hormonen und Präparaten aufgeblasen? Immer mehr beschäftigte sie dieser Mann. Und obschon sie es nicht wollte, klebten ihre Blicke wieder auf seinen Händen, diesen starken, sehnigen Händen, die sicherlich unnachgiebig zupacken konnten, aber auch zärtlich sein… Stopp! Sie riss sich mit Gewalt aus ihren Gedanken, war sie etwa gerade dabei, sich diesen Kerl sympathisch zu reden? Sie hatte verloren….

Er sah nur noch ihren flammenden Blick. Ihre zorngeweiteten Augen, als sie ihn wütend anfunkelte. Er war sich nicht sicher, ab sie auf sein Friedensangebot eingehen würde und blieb angespannt. Weiber wie diese Furie könnten sich ja auch auf ihn stürzen und mit ihren kleinen Fäusten das zu Ende bringen, was sie mit Worten nicht vermochten. Und er hatte noch nie eine Frau geschlagen, wenn sie ihn nun verprügeln wollte, müsste er zwar nicht still stehen bleiben, aber sie zurückschlagen? Nein, das konnte und das wollte er nicht. Gespannt erwartete er ihre Reaktion. Aber es kam keine. Nicht die geringste. Sie sah nur wieder auf seine Hände. Was zum Teufel war los? Hatte er einen Fleck darauf? Oder noch schlimmer, die Nägel waren dreckig? Also diese Peinlichkeit wollte er sich ersparen. Unauffällig lugte er auf seine Hände, aber die Nägel waren blitzblank, wie immer. Er sah auf zu ihrem Gesicht. Ungeschminkt, tatsächlich. Wie viele Frauen kannte er eigentlich, die auch ohne die geringste Schminke so schön waren? Dann schüttelte er seinen Kopf. War er nicht gerade dabei sich diese Zicke schön zu reden? Nicht zu fassen, aber was wahr war, muss wahr bleiben. Sie ist tatsächlich eine Schönheit. Eine zugegebenermaßen herbe Schönheit, aber nichts desto Trotz schön. Und ob nun zickig oder nicht, er musste sich eingestehen, dass er nicht einmal wusste, warum er diese Frau nicht mochte. Sie war sicherlich nicht dumm. Prüde auch nicht, sonst hätte sie sich nicht in diesem gewagten Fummel hier hinein gewagt. Sie war mit Sicherheit aufbrausend, impulsiv und scharfzüngig und das setzte zwangsläufig Intelligenz, zumindest eine gute Portion Mutterwitz voraus. Und ihre Figur war traumhaft. Ihre Haut, die im Mondenlicht sanft schimmerte… er ertappte sich dabei, wie er den Entwicklungsleiter beneidete. So eine Frau, Mitte 30, das war schon ein Geschenk. Aber dann sah er an ihr vorbei, ins Innere des Schlosses. Ihr Mann stand immer noch wie ein Fels in der Brandung zwischen seinen Jüngern und hielt Vorträge. Konnte es sein, dass seine Frau ein ganz klein wenig frustriert war? Konnte es sein, dass dieser Mann eine Frau hatte, die ihm nicht so wichtig war, wie sein Beruf? Er konnte sich nicht helfen, aber als er ihre Lage glaubte erkannt zu haben, wurde sie ihm gleich ein wenig sympathischer. Aber nur ein wenig, bremste er sich selbst. Er mochte ihr Gehabe immer noch nicht.
Doch dann sah er, wie sie sich entspannte, und auch er wurde gleich ein wenig lockerer. Der Krieg war erst einmal abgesagt. Nun begann das Taktieren, das Abtasten. Und er fragte sich, ob er noch bei Verstand war. Er mochte sie doch gar nicht! Wozu der ganze Aufwand? In ein paar Stunden gingen sie wieder getrennte Wege. Doch dann fiel sein Blick zurück in ihre grünen Augen, die nun nicht mehr angriffslustig funkelten. Jetzt lag Neugier in ihnen, sie hatte seinen Blick bemerkt und glasklar richtig gedeutet, wie ihm schien. Er zwang sich, objektiv zu denken. Was eigentlich genau mochte er nicht an ihr? Es war ihre Ausstrahlung. Oder ihre Art, sich zu bewegen. Aber wenn er nun vorschnell geurteilt hatte, dann hatte er sie zu Unrecht in die falsche Schublade gesteckt. Was wenn sie sonst nur in Jeans herumlief? Was, wenn sie tatsächlich das Gehen auf hochhackigen Schuhen nicht mochte? Was, wenn sie eigentlich ganz und gar nicht so war, wie er sie hier gesehen hatte? Was, wenn er Unrecht hatte? Sein Herz krampfte sich zusammen, als er darüber nachdachte, dass er sie verletzt haben könnte. Er kannte sie doch gar nicht! Und nun? Was nun… würde er sich überwinden können, auf sie zugehen und ihr ( und sich selbst) eine neue Chance einräumen? Einen zweiten Start riskieren? Er war sich bewusst, dass er es zumindest versuchen musste. Soviel war er ihr schuldig.
Seine Hand hielt immer noch die ihre. Warm, ja fast heiß brannte ihre Haut in seiner Hand, als er sie seinem Gesicht entgegenhob, um ihr einen Handkuss auf ihre zu hauchen. Dabei sah er ihr unverwandt in diese fürchterlich grünen Augen. Er war sich absolut sicher, dass diese Augen ihn in den Schlaf folgen würden. Denn er war sich absolut sicher, dass er nun verloren hatte…

 

Sie konnte es nicht fassen. Der Typ konnte sich doch tatsächlich benehmen, wenn er wollte! Sein aufgehauchter Kuss schmeichelte ihr, besonders weil er ihre Hand die ganze Zeit in seiner hielt. Sie mochte seinen starken Griff. Und in seinen Augen stand nun Sorge? Kein herablassend- höhnisches Grinsen mehr? Ein Vorteil allemal. Vielleicht war der Typ doch ganz anders, als sie ihn eingeschätzt hatte. Kein Muskelbepackter Vollidiot, sondern ein muskelbepackter Halbidiot. Bei dem Gedanken platzte ein Lachen aus ihrer Kehle. Ungewollt und unkontrolliert brach es sich Bahn und schallte über den Balkon durch die Nacht.