Betriebsfeier (4)

Von hier oben hatte man einen guten Blick auf die Menschenmenge. Ah ja, da war sie ja. Ihr Mann am Buffett, und die hochnäsige Madame stürzte gerade am Fuß der Treppe ein Glas Champagner hinunter. Er trottete die Treppe hinab, direkt auf die Frau zu.Entschuldigung, kann ich meinen Zettel wiederhaben?“
Er hatte sein süffisantestes Lächeln aufgesetzt. In ihren Augen, ihren wie er bemerkte unglaublich grünen Augen, stand nach einem kleinen Moment der Überraschung blanker Hass. Wenn ihre Augen Blitze schleudern könnten, hätte er sich augenblicklich in ein Grillhühnchen verwandelt. Und das machte alles perfekt. Ihre leicht geöffneten Lippen bebten, als wolle sie ihm alle Schimpfworte dieser Welt entgegenschleudern. Aber ach ja, die Etikette. Aus seiner Position heraus war der Abend nun rund. Wortlos drehte er sich um und verschwand in der Menge. Er hatte es ihr gezeigt, der hochnäsigen Kuh. Er hatte gewonnen….

Dieser völlig verblödete, unverschämte arrogante Schnösel von einem Mann! Was bildete sich dieser Idiot eigentlich ein? Brach einen Streit vom Zaun, in dessen Verlauf sich ihr Mann einfach umdrehte und sie wie ein Schulmädchen, das gemaßregelt worden ist, stehen ließ! Der Blick seiner Augen, dieses blasierte, amüsierte Gesicht, sie hätte ihm ins Gesicht schlagen sollen. Ich hasse dich, du Arschloch! Innerlich schrie sie ihn an, aber was sollten die anderen Gäste dann von ihr denken? Und was würden sie über ihren Mann sagen? Was für eine Zwickmühle. Eigentlich war es ja egal, sie war eh wütend auf ihren Mann. Vielmehr schmerzte sie, dass Mister Universum so lange die Luft anhalten konnte wie es schien. Und dass er sie düpiert hatte. Er hatte es zwar so eingerichtet, dass es niemand bemerkt hatte, aber dennoch glaubte sie an Zufall. Menschen vom Schlage dieses Typs, die mit ihren Muskeln denken, konnten so etwas nicht planen, dazu waren sie einfach zu dämlich. Und das schmerzte umso mehr. Dieser kranke Bastard, dachte sie. Na warte, das bekommst du zurück. Wortlos schnappte sie sich ein volles Glas dieses widerlichen Gebräus vom Tablett eines Kellners und stürmte wutentbrannt hinter dem Mann her. Warte, mein Freund, jetzt wirst du duschen! Und es war ihr scheißegal, ab die Gesellschaft zusah oder nicht. Da, er bog auf den Balkon ab. Braucht wohl frische Luft, der Versager. Sie beschleunigte ihre Schritte, wie eine Furie stürmte sie hinter ihm drein, das volle Glas wurfbereit in der rechten Hand. Ja, lehn dich nur über den Balkon, das wird dir nichts nützen! Dann war sie fast bei ihm, holte aus. Aber er hatte wohl ihre stöckelnden Schritte gehört und drehte sich um. Allein der Ausdruck des Erstaunens auf seinem herben Gesicht war die Mühe wert. Mit weit aufgerissenen Augen sah er gebannt auf das Glas, das nun auf sein Gesicht zuschwang. Aber er hatte wohl doch bessere Reflexe, als sie angenommen hatte, denn mit einer schnellen, eleganten Bewegung drehte er sich aus der Richtung des heranfliegenden Champagners. Der ganze Schwung des edlen Tropfens flog in weitem Bogen des Balkon hinunter. Mist, dachte sie, was nun? Am besten Frontalangriff.
Sie ungehobelter, vollkommen verblödeter Saukerl! Wie kommen sie dazu, so einen Blödsinn anzuzetteln?“ Fuhr es aus ihr heraus. All ihre Verachtung, all ihr Hass gegen diesen aufgeblasenen Idioten legte sie in ihre Stimme.
Oh, sie kommen sicherlich aus Vulgarien. Herzlich willkommen in meinem Land“ Er schien vollkommen ruhig zu sein! So ein cooler Arsch! Das gibt es ja gar nicht. Vulgarien?
Sie wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als er beschwichtigend seine Hände hob. Überaus kräftige Hände, wie sie bemerkte. Nicht so weiche Hände wie die ihres Mannes, diese hier konnten zupacken, das sah sie sofort.
WAS?!?“ Fuhr sie ihn an, immer noch stinksauer, aber ihre Blicke blieben auf seinen Händen und dafür verfluchte sie sich. Denn ihren Blick hatte er sicherlich bemerkt. Oh nein.
Hören sie. So wie ich die Sache sehe, steht es nun eins zu eins. Sie haben mich angepflaumt, ich hab ihnen die Quittung verpasst. Sie mögen mich nicht, das ist allzu offensichtlich, und ehrlich gesagt, ich mag ihr blasiertes Benehmen auch nicht. Also lassen wirs und versuchen heute noch Spaß zu haben auf dieser Kotzveranstaltung. Einverstanden?“


Sprachlos ließ sie seine Worte sacken. Das war ein Friedensangebot. Eigentlich sollte sie zustimmen, wenn nicht dieses Wort gefallen wäre. Blasiert. Wer war hier blasiert? Er oder sie?
Sie denken, ICH wäre blasiert? Ich?“ In ihren Augen stand nun blanker Unglaube. „Sie sollten sich mal sehen, sie Pfau. Sie laufen hier rum, als hätte sie jemand aufgepustet! Blasiert, wirklich!“ 
Der erstaunte Ausdruck, den er eingangs ihrer Erwiderung zeigte, wich Nachdenklichkeit. Tat er nur so, oder dachte er wirklich nach? Und wenn, dann womit? Sie musste lächeln, als sie sich sein Gehirn vorstellte, erbsengroß und grün.
Denken sie wirklich, ich halte die Luft an? Hey, sie kennen mich gar nicht und haben Vorurteile. Was soll denn der Blödsinn?“
Wer hat hier Vorurteile? Sie haben mich doch als blasiert bezeichnet, und kennen mich auch nicht!“
Frau, sie sind ne Hämorride im Hintern, aber“ Erstaunt registrierte sie, dass er ihr seine hand hinhielt „mein Name ist Kurt“
Sie griff instinktiv nach seiner Hand und verfluchte und beglückwünschte sich im gleichen Augenblick. 
Kurt?“ Fragte sie amüsiert und sah wie er indigniert lächelnd mit den Achseln zuckte.
Wie heißen sie?“ Fragte er mit seiner dunklen, angenehmen Stimme.
Wie würden sie mich nennen?“ Erwiderte sie. Das Spiel war noch nicht zu Ende.