Betriebsfeier (3)

Wenigstens für einen kleinen Moment wollte er ihre Maske bröckeln sehen. Er ging in die Küche, wo reges Treiben angesagt war, und bat einen Kellner um ein Blatt und einen Schreiber. Dann schrieb er nur einen einzigen Satz auf den kleinen Notizzettel und faltete ihn in der Mitte. Er steckte den Zettel in seine Hosentasche und begab sich wieder in die Halle. Dort hielt er Ausschau nach ihr, konnte sie aber nirgends finden. Eine V- förmige Falte des Unmutes zierte seine Stirn. War sie schon weg, die aufgeblasene Pute?
Er entdeckte ihren Mann, der immer noch geduldig Fragen beantwortete. Offensichtlich hatte er sich in Rage geredet. Wild gestikulierend dozierte er vor seinen Jüngern, sich sonnend im geheuchelten Interesse der Arschkriecher. Verrückte Welt. Doch dann musste er lächeln, war er nicht selber gerade dabei, etwas verrücktes zu tun? War das nicht vorpubertäres Gehabe, was er gerade vorhatte? Nein, es war eine Notwendigkeit! Er wartete nur den rechten Augenblick ab. Da, es ging los. Ihr Mann stürmte die breite Treppe hinauf, Sportlichkeit demonstrierend. Das wurde auch sofort von den Höflingen lautstark kommentiert. Oben auf der Treppe drehte sich der Entwicklungsleiter noch einmal um und winkte. Ja klar, Supermann, tolle Leistung. Nicht zu fassen, eine Filmreife Szene. Für „Fuck the President“ oder so ähnlich. Nun hatte er auch seine Frau entdeckt. Sie stand etwas unschlüssig am Fuß der Treppe und sah ihrem Mann hinterher. Na warte.


Als einer der livrierten Diener mit einer Silbernen Platte vorbeikam, nahm er sich ein Glas Champagner und trug er ihm auf, der Dame an der Treppe den Zettel zu überreichen. 
Gespannt wartete er auf die Zustellung seiner Botschaft und ging hinter einer brieten Säule in Deckung. Großer Gott, wie lange braucht der Kerl nur, um einen Zettel zuzustellen? 
Endlich wurde „Madame“ der Zettel überreicht. Etwas ratlos sah sie in die Runde und faltete seinen Zettel dann auf. Er freute sich wie ein König, als er sah, dass sie verunsichert die Treppe hochsah. Dann stürmte sie hinter ihrem Mann her, und als sie auf ihren hohen Schuhen auch noch umknickte, war die Freude perfekt. Auf dem Zettel stand: 
Sehen sie lieber mal nach ihrem Mann. Der ist in der Damentoilette.


Ha! Reingefallen. Zufrieden lächelnd wandte er sich nun seinem Glas zu und trank einen Schluck. Millionärsbrause, pfui Spinne. Ihm war eher nach einem Bier. Oder ein guter Scotch. Er schnalzte kurz mit seiner Zunge. Tja, nun wars wieder langweilig. Ein Blick um die Säule… war sie schon wieder da oder zoffte sie sich grade mit ihrem Gatten? Kurz entschlossen hastete er die Treppe nun ebenfalls hinauf und wunderte sich über sich selbst. Kindisch, was er da tat. Aber als er oben war, wurde er entschädigt durch eine lautstarke Diskussion auf dem Korridor. Au weia, hatte er nun schlafende Hunde geweckt? War er gar der Auslöser für eine Scheidung? Quatsch, sagte er sich. Vielleicht war er nur einmal mehr der Katalysator, der den Ablauf der Dinge beschleunigte.
Guten Abend, die Herrschaften“ Sagte er jovial, als er mit fadenscheinigem Gesicht an den beiden vorbeiging. Aber niemand schien ihm Beachtung zu schenken, zu vertieft waren sie in „schon wieder“ und „du geiler Bock“ und „Aber Liebling“ und „ich habe doch gar nichts gemacht“


Als er die Toilettentür hinter sich geschlossen hatte, lehnte er sich an die Tür und musste lauthals lachen. Die Feder war doch wahrhaftig ein mächtiges Schwert!
Doch dann wurde er ernst. Der Fehler in seiner Gleichung wurde ihm offenbar. Er hatte sich zwar diebisch über den gelungenen Scherz gefreut, aber eine Rache ist nur dann eine Rache, wenn das Opfer weiß, von wem sie kommt! Scheiße…. was nun? Als er es wusste, musste er erneut lachen. Ja, das war der Gipfel der Dreistigkeit, so würde er es machen! Da de lautstarke Unterhaltung offensichtlich beendet war, öffnete er die Tür einen Spalt weit und lugte hinaus. Niemand da, gut. Er schlenderte den Korridor entlang bis zur Balustrade.