Betriebsfeier (1)

Guten morgen, Fremde” Sagt der Mann auf dem Bett. Lässig lehnt sein sehniger, in unzähligen Stunden Bodywork gestählter Körper halb aufgerichtet in den Kopfkissen. Er ist nicht bekleidet, das Schwarze Laken bedeckt lediglich die Mitte seines  Körpers. Liebevoll ruhen seine Augen auf der Frau, die sich gerade vor ihm bückt, um ihre Schuhe anzuziehen. Dabei rutscht ihr Kleid hoch, und er kann sehen, dass sie nichts darunter hat. Er wusste das, denn er selbst hatte gestern Nacht ihr Höschen zerrissen. Erschreckt fährt sie hoch, gewinnt aber augenblicklich ihre Fassung zurück. Sie dreht sich langsam um, die grünen Augen leicht zusammen gekniffen.
“Guten Morgen”
Ihre rauchige Stimme passt zu ihrem schlanken Körper, den sie nun aufreizend zur Schau stellt, indem sie ein Bein leicht nach vorn schiebt. Ihre Augen kommen besonders gut zur Geltung, da die Jalousien nur halb geschlossen sind, und ein schmaler Lichtschimmer genau auf ihrem Gesicht liegt. Sie scheinen zu leuchten, so grün sind sie. Ihr edles Gesicht wird von einer dunkelblonden Lockenpracht umrahmt, die ihr bis auf die Schultern fallen. Das kurze, schwarze Minikleid betont ihre aufregende Figur. Wie viele Frauen sagten ihr schon in einer stillen Stunde, sie würden sie um diese Taille beneiden.

Ihre Blicke ruhen auf dem Mann, der ihr entgegenblickt. Einen kurzen Moment lang kann sie sich nicht an seinen Namen erinnern, doch dann fällt er ihr wieder ein. Sein Name war Kurt. Ein Name, der ganz und gar nicht zu ihm passte. Langsam beugt sich die Frau wieder vornüber, um die schwarzen Riemen der Schuhe zu schließen. Dabei gewährtsie Kurt einen tiefen Einblick in ihr Dekolletè. Er soll sie in guter Erinnerung behalten, wenn sie gegangen war. Sie würde sicherlich auch in stillen Stunden von der letzten nacht träumen. Er hatte ihr alles gegeben, was sie sich gewünscht hatte. Aufmerksamkeit, Nähe, Verständnis, Zuwendung, Streicheleinheiten und eine aufregende Nacht. Was wollte Frau mehr? Eine Beziehung sicherlich nicht. Sie ist schließlich eine verheiratete Frau. Und auch er ist verheiratet, also fast unnahbar. Das Wort “fast” lässt sie lächeln. Er kann das nicht sehen, denn ihr Oberkörper ist immer noch vorn über gebeugt. Doch nun richtet sie sich wieder auf und sieht ihn an. Wie er da liegt. Ein Schmunzeln liegt auf seinem herben, männlich markanten Gesicht. Er ist sicherlich kein Schönling, aber er hat ein interessantes Gesicht. Lachfalten zeigen sich an seinen Augenwinkeln, sein kantiges Gesicht mit den stahlblauen Augen würde sie unter Millionen Gesichtern wiedererkennen.

Ihr Blick gleitet über seinen Brustkorb. Sein flacher Bauch, seine beinahe eckigen, starken Schultern, die es so vortrefflich verstehen, sie zu halten. Seine muskulösen Beine,
seine leicht gebräunte Haut. Plötzlich muss sie lachen. Es platzt einfach aus ihr heraus. Die Erinnerungen an den vergangenen Abend waren nun gänzlich wieder da.
Sie war zusammen mit ihrem Mann auf die Abschlussparty der Cryo- Advertising Corporation gegangen. Ihr Mann war dort Leiter der Entwicklung. Im Konzern allerdings
nannte man das in Neudeutsch Developing- Manager. So oder so, ihr Mann hatte eine wichtige Position im Konzern und wurde dementsprechend hofiert. Sie hasste dieses
unterwürfige Gehabe der anderen Angestellten, die nur Augen und Ohren für ihren Mann hatten. Dabei hatte sie sich ihren besten Fummel herausgesucht und diese Art
Kleidung mochte sie nicht einmal besonders, da sie sich nackt fühlte. Das war sie ja auch, das knappe Kleidchen bedeckte gerade eben die intimsten Stellen ihres schlanken
Körpers, die hochhackigen Schuhe mit den feinen Lederriemchen waren auch nicht allzu angenehm zu tragen.

Und sie begann, sich zu ärgern. All die Untergebenen ihres Mannes drängten sie allmählich in die zweite Reihe, fort von ihrem Mann, der immer mehr Fragen beantworten musste und mittlerweile nicht mehr mitbekam, dass sie überhaupt da war. Achselzuckend drehte sie sich um, ließ ihren Blick durch die geschmackvoll eingerichtete Halle schweifen. Die hohen Kristallüster, die goldfarbenen Fresken an den Wänden, die edlen Tische und Stühle, all das langweilte sie zu Tode und sie fragte sich, ob es nicht klüger gewesen wäre, zu Hause zu bleiben. Dann sah sie ihn. Er lehnte am Buffett und sah sie an. Sein Blick war eine Mischung aus Ablehnung und Zweifel, getränkt mit Verwunderung. Beinahe mitleidig sah er sie an, und in ihr begann sich Zorn zu regen. Was fiel dem denn ein? Fast sah es aus, als ob er sich über sie amüsierte! Und warum nur? Sie kannte ihn doch gar nicht.
Furchtlos blickte sie ihn nun an. Ihre Blicke kreuzten sich wie die Schwerter der Ritter kurz vorm Gefecht. Sie signalisierte Kampfbereitschaft, ja, sie wollte dem eingebildeten
Fatzken dort drüben zeigen, wer hier die Stärkere war!

Außerdem, wie sah der Kerl eigentlich aus? Sein aufgeblähter Oberkörper, der sich deutlich unter seinem engenanliegenden, dunklen Sakko abzeichnete, war sicherlich mit
Powerdrinks gefüllt. Der Typ sah aus, als ob er jeden Moment platzen würde. Seine Figur allerdings, das musste sie neidlos anerkennen, war durchaus sehenswert. Schmale
Hüften, schlanke Beine und ein markantes, männliches Gesicht. Alles in allem sah er gut aus. Nur die Haltung war die eines Angebers, eines aufgeblasenen Angebers, der nicht
müde wurde, jedem, der es nicht hören wollte, von seinen geschäftlichen Erfolgen zu erzählen, mit seiner goldenen Prolex anzugeben und den gemieteten Ferrari so zu parken,
dass alle denken, es wäre seiner. So sah er jedenfalls aus und sie nahm sich ganz fest vor, niemals herauszufinden, ob dieser Typ wirklich so war, wie es schien.
Also warf sie ihm noch einen vernichtenden Blick zu und ging zielstrebig ans andere Ende des Buffetts. Gelangweilt sah sie über die Köstlichkeiten, aber sie ertappte sich dabei,
wie sie “ihn” aus den Augenwinkeln beobachtete. Irgendetwas hatte sie….

Doch sie erinnerte sich an den Zorn, der in ihr aufgewallt war, als er sie so unverschämt angesehen hatte. Sie hob den Kopf und suchte kampfeslustig seinen Blick. Doch er war
fort. Erstaunt sah sie sich um, konnte ihn aber nirgends mehr sehen. So ein Arsch, wich ihr aus, wie es schien. Feigling. Dann eben nicht.